Lehrplan 21 ist unschweizerisch und gehört zurückgewiesen

ds. Jean Monnet, der bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft die amerikanischen Interessen vertreten hat, soll gesagt haben: «Wenn ich noch einmal mit der ­Europa-Politik beginnen könnte, würde ich nicht mit den Sektoren Kohle und Stahl, sondern mit Bildung und Kultur beginnen.»1 – Jene, die heute von einem imperialen Europa träumen, beklagen das Fehlen einer einheitlichen «europäischen Sozial- und Erziehungspolitik», welche die Bürger für das neue Reich mobilisieren könnte.2 – Und die USA haben die OECD unter Androhung ihres Austritts dazu gedrängt, international vergleich- und messbare Bildungsstandards zu entwickeln, um so die Bildungspolitik anderer Staaten mit Hilfe der OECD beeinflussen zu können. Dazu wurde Pisa gemacht. – Imperien wuss­ten schon immer, worauf es ankommt, wenn es gilt, die eigene Macht zu begründen und zu erhalten.3
Inzwischen kann jeder lesen, wie es gemacht wird. Zahlreiche Publikationen beschreiben in geradezu aufreizender Offenheit, wie es gelungen ist, mit Pisa und anderen «Soft-Governance-Instrumenten» die demokratischen Strukturen auszuhebeln und die Bildungspolitik dieser Länder fremdzubestimmen. Dieses völkerrechts- und demokratiewidrige Vorgehen ist gut dokumentiert.4

Die Schweiz als Versuchslabor?

Im Sonderforschungsbereich: Transformations of the State an der Universität Bremen wurde der Einfluss internationaler Organisationen (IO) auf die Schweizer Bildungspolitik untersucht.5
Fazit: «Die Resultate zeigen, dass internationale Organisationen durch Anwendung diverser Governance-Instrumente wichtige Impulse für innerstaatliche Reformen gaben. Nationale Transformationskapazitäten der Schweiz – Vetospieler und kulturelle Leitideen der Bildung – verhinderten dies nicht. Statt dessen demonstrieren die empirischen Befunde einen unerwartet hohen Einfluss von IO Governance-Instrumenten – insbesondere von Standard Setting, koordinativen Aktivitäten und diskursiver Verbreitungen – auf die Schweizer Gestaltung von Bildungspolitik.» Die Studie wertet die erfolgreiche Transformation der Schweizer Bildungssouveränität als Vorbild für den politischen Wandel in anderen Ländern! Doch die Schweizer Politik verweigert den Blick auf die Realität bisher hartnäckig.

Der Bruch mit der humanistischen Bildungstradition ist verfassungswidrig

Der Ende Juni zur Konsultation freigegebene Lehrplan 21, der ab 2014 in den 21 Deutschschweizer Kantonen eingeführt werden soll, erweist sich als echtes OECD-Neusprech-Elaborat. Mit seiner Anlehnung an den angelsächsischen Raum, an Pisa, Reformpädagogik, Konstruktivismus und Pragmatismus6 führt er zu einem radikalen Bruch mit der humanistischen Bildungstradition hin zu reinem Nützlichkeitsdenken, das in den Ursprungsländern, England und den USA, einer Mehrheit bekanntlich die Bildung verweigert. Echte Bildung ist dort nur noch an teuren Privatschulen und hier selbstverständlich mit traditionellem Lernen zu haben.
Die Autoren verwenden mit Vorliebe posi­tiv besetzte Begriffe, die aber – getreu der konstruktivistischen Ideologie, dass jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert – zu Worthülsen verkommen, da sie mit neuen Inhalten gefüllt werden. So hat der zentrale Begriff Kompetenz nichts mehr mit der Vorstellung von kompetenten Menschen zu tun, die wir alle kennen. Kompetent-Sein genoss schon immer hohes Ansehen; das Rad muss nicht neu erfunden werden. Im Lehrplan 21 aber wird der Kompetenzbegriff zu einer Hohlform, die mit allen möglichen Inhalten gefüllt wird und einmal als Selbstkompetenz, dann als Sprach-, Sozial- oder eben als Kompetenzkompetenz auftritt. Nicht mehr der Erwerb von Wissen, das Lernen, stehen im Zentrum, sondern «angestrebtes Verhalten rückt in den Fokus»7. Eine Vorstellung, die nicht einmal zur Verhaltenskonditionierung von Hunden, geschweige denn zur Bildung von Menschen passt.
Der Lehrplan 21 schliesst nicht, wie behauptet wird, an die bestehenden Lehrpläne an und ist weder eine «notwendige Aktualisierung»8 noch ein «Harmonisierungsprojekt»8, sondern schreibt eine Neuverortung der schweizerischen Volksschule fest, zu welcher der dafür stets bemühte Artikel 62 der Bundesverfassung keinen Auftrag gibt. Er ist ein Übergriff internationaler Organisationen auf das Schweizer Bildungswesen und gehört an den Absender zurückgeschickt.    •

1    Joachim Starbatty: Tatort Europa. Bürger, schützt das Recht, die Demokratie und euer Vermögen, Berlin 2013, S. 17
2    Daniel Cohn-Bendit, Guy Verhofstadt: Für ­Europa!, München 2012
3    Vgl. «Ein Kick gegen Schrott» in Zeit-Fragen
Nr. 25 vom 11. Juni 2012:
4    Roman Langer: Warum haben die Pisa gemacht?, in ders.: Warum tun die das? Governanceanalysen zum Steuerungshandeln in der Schulentwicklung. Wiesbaden 2008
    Kerstin Martens und Dieter Klaus Wolf: Paradoxien der Neuen Staatsräson in: Zeitschrift für internationale Beziehungen, 13. Jg. 2006, Heft 2, S. 145 bis 176
    Barbara Müller: Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz, Rekonstruktion, Kontextualisierungen und Rezeption des hochschulpolitischen Prozesses aus akteurtheoretischer Perspektive, Bern 2012
5    Soft Governance in Education. The Pisa Study and the Bologna Process in Switzerland, www.sfb597.uni-bremen.de/homepages/bieber/arbeitspapierBeschreibung.php?ID=159&SPRACHE=de&USER=bieber (vgl. www.zeit-fragen.ch, Dokumentation)
    Eine deutsche Übersetzung befindet sich unter:
www.schulforum.ch 
6    Ulrich Halbeer-Edelmann: Lehrplan 21. Ergebnisse eines globalen Trends, in: ph/akcente 4/2011, S. 32f.
7    ebd.
8    Medienmitteilung der D-EDK vom 28.6.2013