Syrien: Vom Stellvertreterkrieg zum Frieden oder Chaos?

von Prof. Dr. Eberhard Hamer

Die meinungsführenden Medien der Welt haben die Aufstände in Nordafrika über Syrien bis zur Ukraine als Freiheitsbewegungen bejubelt. Inzwischen aber hat sich herausgestellt, dass diese Aufstände nicht aus dem Land selbst, sondern von aussen herbeigeführt, gesteuert und finanziert waren, dass es dabei um ausländische Wirtschafts- oder Finanzinteressen oder – wie in Syrien oder der Ukraine – um geostrategische Macht­politik geht.
Welche Interessen haben die Syrien-Tragödie herbeigeführt?
–    Ohne die Destabilisierung Syriens hätten sich Israel und die Angelsachsen nicht an Iran wagen bzw. mit Raketen und Flugzeugen Iran gefahrlos erreichen können – wobei es allerdings derzeit den Anschein hat, dass die US-Regierung diesen Plan aufgegeben hat. Insofern war dieser Vorkrieg nötig für den Kampf der Amerikaner und der sunnitischen Diktaturen (Saudi-Arabien und Katar) gegen das schiitische Syrien und dessen Verbündeten Teheran. Syrien verbindet die schiitische Vormacht Iran mit ihren schiitischen Gruppierungen in der arabischen Welt. Ohne dieses Verbindungsglied würde der Einfluss Irans in der arabischen Welt geschwächt werden.
–    Es geht auch ums Gas. Bisher verläuft eine Erdölpipeline aus Iran durch Syrien. Nun sind im südlichen Mittelmeerraum – sowohl auf Seegebiet als auch an Land auf syrischem Territorium (Kara) – Erdgasvorkommen festgestellt worden. Katar exportiert bisher verflüssigtes Erdgas mit Hilfe einer Tankerflotte. Würde die Assad-Regierung beseitigt, hätte Katar die Möglichkeit, den «blauen Brennstoff» direkt über das syrische Territorium an die Küste des Mittelmeers zu transportieren, könnte sein Exportvolumen verdoppeln und gleichzeitig den Export aus Iran verhindern. Deshalb finanziert Katar den Aufstand in Syrien.
-    Die Kontrolle über die Öl- und Gaslieferungen aus dem Nahen Osten bedeutet für die USA zugleich die Kontrolle über Westeuropa und zugleich die Schwächung Russ­lands. Insofern sind neben den geostrategischen auch wirtschaftliche Gründe für die «Korrekturen durch Aufstände» in Libyen, Tunesien, Ägypten und Syrien massgebend. Es geht um das Monopol (und die Monopolpreise) für Öl und Gas.
–    Auch die Beteiligung Israels in Syrien entspricht dem von der Regierung Netanjahu wie von allen früheren aufgestellten Grundsatz, alle Nachbarstaaten zu destabilisieren, um Israel dadurch zu sichern.
–    Hauptfinancier des angeblichen Volksaufstandes in Syrien sind die USA und Lenker die CIA, welche in der Welt für die Massenpropaganda zugunsten der «syrischen Rebellen» sorgt, ihnen die modernen Präzisionswaffen und Panzerabwehrraketen, Wärmesichtgeräte und Scharfschützengewehre liefert und mit Hilfe der amerikanischen Marine von See aus die logistische Führung des Aufstandes hat. Für die USA und ihre Industrie geht es mit Syrien auch gegen Russland (Einkreisungspolitik) und gegen den Einfluss des mit Iran verbündeten China.
–    Russland hat in Syrien einen Marine- und Militärstützpunkt am Mittelmeer. Nachdem die Russen in Libyen ausmanövriert waren, wollen sie sich nicht auch noch aus Syrien herauswerfen lassen.
–    Zugleich stösst der westliche Kreuzzug in Syrien an die chinesische Mauer. China drängt nämlich ebenfalls auf die Ressourcen des Vorderen Orients. Pakistan steht schon unter seinem Einfluss. Zu den Taliban Afghanistans haben die Chinesen schon lange Beziehungen. Iran ist auch ihr Verbündeter. Der Süden des Iraks wird de facto bereits von schiitischen Verbündeten Irans kontrolliert. Nun versucht China, über Syrien auch Einfluss auf die Mittelmeerküste zu bekommen.
–    Ebenso wie es das Ziel der USA ist, Russ­land und China einzukreisen und in ihre Landesgrenzen zurückzudrängen (zum Beispiel durch den von den USA betriebenen Aufstand in der Ukraine und die neue Pazifik-Offensive), wollen beide letzteren Länder im Falle Syriens die Einkreisungspolitik der USA aus wirtschaftlichen, militärischen und geopolitischen Gründen stoppen.
Bei der Syrien-Konferenz sind also die Syrer selbst nur passiv Beteiligte. Die Drahtzieher des Syrien-Krieges müssten sich einigen, haben aber selbst unüberwindliche Hindernisse:
1.    Die von den USA (CIA) nach Syrien eingeschleusten, ehemals in den nordafrikanischen Ländern eingesetzten Taliban, Revolutionskämpfer und Islamfanatiker sowie die angeworbenen Berufstruppen der amerikanischen Kriegsfirmen (Blackwater und andere) können praktisch nicht abgezogen werden, ohne anderswo Unheil zu stiften. Niemand will sie mehr. Man muss sie also Syrien aufreiben und vernichten lassen. Dies spricht für weiteren Krieg.
2.    Die sunnitischen Öldiktaturen (Katar, Saudi-Arabien) haben nicht nur eigene Öl- bzw. Gasinteressen in Syrien, sondern auch Islam-ideologische Vormachtinteressen, die sie kaum aufgeben werden.
3.    Israel will keinen Frieden vor erreichter Destabilisierung Syriens, um ebenfalls den Weg zu Iran freizuhalten.
4.    Russland kämpft um seinen Einfluss in Syrien und stützt deshalb Präsident Assad (Westjargon: «Das Regime Assad») als seinen verbündeten Garanten seiner Inte­ressen.
5.    China will nur Frieden in Syrien, wenn sein Einfluss – durch Assad – gesichert oder vergrössert wird.
Ist unter diesen Interessen Frieden möglich?
Einige der ursprünglichen Kriegsziele der ausländischen Interessenten haben sich inzwischen erfüllt bzw. gewandelt:
–    Israel hat sein Ziel der Destabilisierung Syriens und Libanons langfristig erreicht und ist deshalb auch nicht mehr Partner der Friedenskonferenz.
–    Den USA graut inzwischen vor ihren eigenen Söldnern. Sie fürchten, dass durch deren Sieg ein neues, noch gefährlicheres Islam-System in Syrien entstehen würde. Sie suchen deshalb den Ausstieg ohne Gesichtsverlust.
–    Die Türkei hat sich bisher im Hintergrund gehalten, aber subversiv mit Waffen, Militär und Logistikhilfe den Aufständischen geholfen. Sie will zwar ihren Einflussbereich über Syrien vergrössern, aber auch keinen radikalen Islamstaat dort.
Für eine Friedenslösung, zumindest unter Fortsetzung der Regierung Assad, sind
–    Russland, weil es dadurch seinen Stützpunkt und Verbündeten in Syrien halten würde,
–    Iran, weil die schiitische Achse damit erhalten würde und Assad Bollwerk gegen Angriffe aus Israel bliebe,
–    China, weil es über Iran und die schiitische Achse mehr Einfluss auf Assad als auf Islam-Terroristen hätte.
Gegen eine Friedenslösung sind die islamischen Terroristen. Welche anderen Ziele sie – ausser der sunnitischen Machteroberung im Kampf gegen die Schiiten – sonst haben, ist je nach Gruppierung sehr verschieden, wohl auch nicht immer auszumachen, hängt zum Teil auch von ihren Geldgebern und Dirigenten (Mossad, CIA, Katar, Saudi-Arabien) ab.
Allein schon ein Waffenstillstand würde die eingeschleusten Kämpfer tatenlos machen, kann also nicht in deren Interesse liegen, zumal der Widerstand der Bevölkerung in den von ihnen besetzten Gebieten gegen sie stärker würde. Würden sie nicht mehr aus den USA und den sunnitischen Monarchien bezahlt, wären sie dem Druck des syrischen Militärs nicht mehr gewachsen, müssten sie das Land wieder räumen und anderswo Unruhe stiften.
Auch Präsident Assad und das syrische Militär könnten an einem Waffenstillstand noch uninteressiert sein, weil sie zurzeit siegen und das Land zunehmend von den Terroristen befreien. Andererseits hätten Friedensgespräche mit einer syrischen Bürgergruppe den Vorteil, dass die 30 000 ausländischen Söldnersoldaten dadurch isoliert würden, so dass Assad den Frieden mit einer Vertretung syrischer Gruppen riskieren kann.
Voraussichtlich wird in Genf vorerst nach der Taktik verfahren werden: Friedensgespräche ja, aber Waffenstillstand noch nicht – und im Laufe der Zeit: Frieden ja, aber nur von Syrern mit Syrern und nicht mit den ausländischen Terroristen.
Fragt man sich, ob sich das Anzetteln dieses Krieges durch die ausländischen Mächte nun für diese gelohnt hat, bleibt eigentlich nur der Vorteil Israels (Destabilisierung). Die Amerikaner, die CIA, Katar und Saudi-Arabien werden wohl verlieren. Für sie jedenfalls hat sich dieser Krieg nicht gelohnt.
Nachdem die Amerikaner mit Hilfe der Russen den Angriff Israels auf Iran verhindert und die Atomgespräche mit Iran erfolgreich beendet haben, könnte in dieser Region ein friedlicher Aufschwung einsetzen, wenn es gelingt, die ausländischen Kämpfer aus Syrien zu entfernen und unter den Syrern selbst wieder Frieden herzustellen.     •