Schüler anleiten: die spannendste Aufgabe!

von Hedwig Schär und anderen

Schüler anleiten ist die bedeutsamste Aufgabe des Lehrers. Früher war das unbestritten. Dann wurde mit den neuen Lehr- und Lernformen, dem individualisierenden Unterricht, Wochenplan oder Projektunterricht die Bedeutung der Anleitung vernachlässigt. Ideal sei, wenn der Lehrer Zeitung lesen könne, während seine Schüler selbständig arbeiten, hiess es. Es wurde ein künstlicher Gegensatz zwischen Klassenunterricht und den individualiserenden Methoden geschaffen. Es wurde suggeriert, dass der Lehrer beim «Frontalunterricht», wie dieser genannt wurde, die Kinder nicht individuell erfassen könne. Die normale, echte menschliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler wurde durch falsche Theorieansätze gestört.
Viele Lehrer liessen sich jedoch von diesen Modeströmungen nicht beeindrucken. Sie probierten einiges aus, liessen sich dabei aber nicht von ihrer Grundlinie abbringen, dass der Mensch ein Wesen ist, das in Kooperation und mitmenschlicher Beziehung lernt, lebt und gerne leistet und dazu Anteilnahme, Empathie, Freude und Beachtung braucht.  
Heute sagt man in der pädagogischen Forschung, dass der erfolgreiche Lehrer verschiedene Unterrichtsmethoden gezielt einsetzen können muss. Dem ist eigentlich nichts entgegenzusetzen, aber bei dieser Methodendiskussion wird der zentrale Punkt in der Schule, die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer und der Schüler untereinander, vernachlässigt. Der «Faktor Mensch», wie ihn Frau Dr. Gautschi in Zeit-Fragen Nr. 8 vom 21. Februar so schön beschrieben hat, muss wieder in die Schule zurückgeführt werden.
Im folgenden werden persönliche Gedanken zum Thema Anleiten in der Schule von fünf sehr erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern abgedruckt.

Anleiten bereitet Freude

ml. Die erste wichtige Voraussetzung für die Anleitung eines Schülers in der Schule ist das solide Fachwissen des Lehrers. Er weiss ausserdem um die Bedeutung der Lerninhalte für den Schüler und kennt Schwierigkeiten und Klippen, die der Lernstoff in sich birgt. Er ist in der Lage, den Lernstand eines jeden Schülers und insbesondere seine individuellen Haltungen und Einstellungen dem Lernen gegenüber zu erfassen. Es geht also einerseits um die richtige Aufarbeitung des Lerngegenstandes und andererseits um die individuelle Hilfestellung im Lernprozess für jeden einzelnen Schüler. Eine hohe Anforderung an den Lehrer, aber eine spannende und erfolgversprechende Arbeit. Es bereitet Freude, die Lernschritte wohlwollend zu begleiten und zum rechten Zeitpunkt Hilfestellung und Ermutigung anzubieten. Jeder Lernerfolg des Schülers beflügelt ihn voranzuschreiten. Es ist wichtig, dass der Schüler dabei in eine Lerngemeinschaft (Klasse) eingebunden wird. Die Klassenkameraden nehmen Anteil und erleben die Lernfortschritte ihrer Mitschüler mit. Durch Anleitung können die Schüler ausserdem lernen, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie festigen damit ihr eigenes Wissen und können sich so miteinander befreunden. Das ergibt für alle eine aufbauende Lernatmosphäre. Diese Anleitung zum gemeinsamen Lernen fördert ihre soziale Kompetenz und lässt sie Verbundenheit und Aufgehobensein in einer Lerngemeinschaft erleben. So sind sie bestens gerüstet für ihr Leben und werden begeistert und gern Neues, Sinnvolles dazulernen wollen.

Anleiten ist komplex

rt. Schüler anzuleiten ist ein komplexer Vorgang. Wenn ich sie anleite – also sie in den Stoff hineinführe, ihnen etwas erkläre oder sie frage –, dann beobachte ich, ob und wie sie mir folgen und ob sie überhaupt präsent sind. Ist das nicht der Fall, dann fordere ich ihre Aufmerksamkeit ein. Das kann unterschiedlich geschehen. Ich kann sie direkt oder indirekt auffordern, sich auf mich auszurichten. Vielleicht spreche ich sie allgemein an oder sehr persönlich; vielleicht blicke ich sie nur an, senke meine Stimme, schweige, sage etwas Ernstes oder Witziges. Ich beobachte ihre Reaktion. Wenn ich die nötige Aufmerksamkeit habe, so dass sie der Anleitung folgen können, habe ich mein Ziel erreicht, wenn nicht, unternehme ich eine weitere Aktion.
Während ich dies tue, überlege ich mögliche Ursachen für den Mangel an Konzentration bei einem, einigen oder allen Schülern. Auch hier sind die Möglichkeiten unendlich. Sind die Schüler unausgeschlafen, müde, erschöpft, entmutigt oder nervös? Gibt es einen schwelenden Konflikt, der sie absorbiert?
Wenn die Abgelenktheit zu gross ist, muss ich mich dieses möglichen Problems zuvor annehmen. Andere Probleme, die einer Verweigerung oder starkem Abgelenktsein zu Grunde liegen, müssen erforscht werden (persönliche Probleme, Elternhaus, charakterliche Fehlhaltungen, Klassendynamik, Entmutigung usw.). Auch hier stelle ich Hypothesen auf und probiere Verschiedenes aus.
Das Wichtigste ist, in der Beziehung zu den Schülern voll präsent zu sein, aber auch die Schüler zu kennen bzw. kennenzulernen. Unter Umständen muss ich auch meine eigene Position zu den Schülern überprüfen: Fühlen sich alle Schüler angesprochen? Leite ich anschaulich und verständlich an? Sind der Schwierigkeitsgrad und die Aufmerksamkeitsspanne angemessen? Sind die Lernschritte richtig gesetzt? Repetiere ich häufig genug?
Im Laufe der Jahre wächst das Repertoire, und man entdeckt als Lehrer immer wieder neue Aspekte, die man einbeziehen kann, um die Anleitungen zu verbessern.

Anleiten ist eine vorwärts gerichtete Haltung

lb. Für mich gehört das Anleiten meiner Kinder zum pädagogischen «Kerngeschäft» – wie man heutzutage so schön sagt.
Anleiten heisst, meinen Kindern verschiedenste Lerninhalte zu vermitteln – immer in einer vorwärts gerichteten inneren Bewegung und Grundhaltung meinerseits.
Das bezieht sich auf das Vermitteln von Sachinhalten (Bastelarbeit, neues Lied) und auf den sozialen und emotionalen Bereich (Streitigkeiten, Miteinbezug eines schwächeren Kindes).
Als Kindergärtnerin habe ich dabei einen Beziehungsfaden zu jedem meiner Kinder und kenne seine persönlichen Stärken und Schwächen, und ich habe gleichzeitig eine lebendige Klassengemeinschaft vor mir.
Anleiten umfasst die Ansprache an die ganze Klasse, beispielsweise beim Erlernen eines neuen Fingerverses oder beim Lösen eines Vorfalles, beinhaltet die Befähigung der Kinder, einander gegenseitig anzuleiten und mit dem einzelnen Kind zu arbeiten. Dazu gehören meinerseits genaues Beobachten, sorgfältiges Nachdenken, der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und das Gespräch mit den Eltern. Anleiten ist eine aktive, lebensbejahende, lösungs- und zukunftsorientierte und das Kind als ganze Persönlichkeit erfassende Haltung. Anleiten beinhaltet ungezählte Möglichkeiten, den mir anvertrauten Kindern ein solides Rüstzeug für ihr Leben mitgeben zu können.

Anleiten braucht klare Grundlagen

uf. Die Lehrperson muss mit sich selber im Reinen sein. Sie ist fit, gesund und hat Freude an den Kindern. Sie schöpft aus dem Schulalltag Genugtuung, und sie ist sich ihrer Bedeutung für die Kinder und die Gesellschaft bewusst.
Der Lehrer kennt die Kinder durch Beobachtung und intuitiv, kennt ihre Stärken und Schwächen und hat einen gefühlsmässigen Zugang zu ihnen. Er fördert und fordert jedes einzelne Kind und führt es in die Klassengemeinschaft ein.
Er kennt das Schulgesetz und den Lehrplan und weiss genau, wie der Bildungs- und Erziehungsauftrag lautet. Er lässt sich nicht durch Modeströmungen oder falsche Theorien von seinen Zielen ablenken. Nebst dem Stoff ist ihm auch die Wertevermittlung sehr wichtig. Er ist in permanenter Auseinandersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen. Er muss die Welt kennen, in der seine Kinder leben.
Für eine klare Anleitung braucht es klare Grundlagen:
–    Die Lehrerpersönlichkeit muss allgemeingebildet sein.
–    Sie hat ein personales Menschenbild und Werteorientierung.
–    Sie ist sich bewusst, dass die Schule dem Gemeinwohl dient, und sie muss deshalb – in unserer direkten Demokratie ganz besonders – an den Fragen des Gemeinwesens und der Gesellschaft Anteil nehmen.

Anleiten braucht Wachheit und Konzentration

hs. Schüler anzuleiten ist eine ganz zentrale Aufgabe des Lehrers. Es ist diese Aufgabe, die den Beruf so spannend macht. Wie kann ich die Schüler als Individuen und als Klassengemeinschaft anleiten?
Gerade heute ist eine konsequente, liebevolle Anleitung von grösster Bedeutung. Viele Kinder werden in ihrem Elternhaus nicht mehr richtig angeleitet als Konsequenz oder Nachwehe der Antipädagogik oder weil beide Eltern in anstrengenden Berufen arbeiten. Wenn die Kinder nur lange genug zwängen, dann geht vieles doch. So wird ein «Nein» zu einem «verzögerten Ja». Daher muss die Anleitung in der Schule konsequent sein, es gilt, was der Lehrer sagt. Der Schüler kann und muss sich ganz auf seinen Lehrer verlassen können. Das bedeutet aber nicht, dass Gehorsam gefordert wird. Die Kinder sollen ja in der Schule auch zu aktiven Staatsbürgern gebildet werden. Das heisst, sie werden hier befähigt, mitzudenken und ihre Ideen einzubringen, selbständig zu werden.
Das ist nun die grosse Aufgabe des Lehrers, alle Kinder mit ihren Vorgeschichten zum Lernen anzuleiten und eine Klassengemeinschaft zu bilden. Dabei benötigt er selber eine grosse Wachheit und Konzentration. Er braucht eine genaue und geschulte Beobachtungsgabe, um zu sehen und zu erfassen, wie jeder seiner Schüler sich in der Schule eingibt und wo er sich selber im Wege steht. Der Lehrer muss sich sicher sein, dass jedes Kind im Grunde gerne lernen möchte, wenn es frei ist und nicht durch negative Lernhaltungen oder persönliche Umstände behindert wird.     •

Liebe Frau B.
es war toll, den Artikel zu lesen. Auch wenn Sie die Namen geändert haben, so ist doch jeder falsche Name eindeutig einer ­realen Person zuzuordnen. Überraschend und schön zu lesen, was so manche gesagt und geschrieben haben.
Als sehr emotionaler Mensch – zumindest was positive Emotionen angeht – muss ich gestehen, dass mir diese tollen Erinnerungen und der Gedanke, dass diese Klasse für manche so positiven Einfluss, auch oder gerade, auf ihren Lebensweg hatte, sehr nahegeht. Es freut mich ungemein, dass letztlich doch alle irgendwie ihr Glück gefunden haben. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole – Ihnen ist ein grosser Anteil daran gutzuschreiben. Eine Leistung, auf die Sie mit Recht stolz sein können. Erst recht, wenn man sieht, was für «kaputte Existenzen» in diese Klasse gekommen sind und wie gestärkt sie den Abschluss bestanden haben.
Ich weiss, was ich kann, und ich weiss auch, dass ich sehr gesund mit dem umgehe, was man gesagt und erzählt bekommt (nicht nur von Ihnen oder Mitschülern, sondern auch durch diverse Medien). Und ich weiss, dass ich meinen Weg auch in einer anderen Klasse, unter anderer Leitung gemeistert hätte. Aber ich weiss nicht, ob ich so selbstbewusst daraus hervorgegangen wäre. Ich hatte früher immer Angst, «mich zu blamieren», da man gerne über mich (nicht mit mir) lachte. Mit mir, und auch über mich, hat man auch in der R10b gelacht. Aber ich wusste, dass es dort niemand bösartig mit mir meinte und man sich letztlich immer auf ein paar Säulen verlassen konnte. Zu diesem Klima haben Sie den Löwenanteil beigetragen. Und das ist vielleicht der prägendste Teil für mich gewesen. Das Wissen, dass es auch die grösste Gruppe unterschiedlichster Charaktere miteinander schaffen kann – ohne Aussenseiter –, gibt mir noch heute, wo ich in Führungsposition bin, die Sicherheit, dass auch das schwächste Glied immer noch ein Teil des Teams sein kann. Und nur dies macht eine Gruppe wirklich stark.
Auch wenn ich, als Organisator des Treffens, anfangs etwas traurig war, dass einige Mitschülerinnen und Mitschüler nicht gekommen waren, so muss ich letztlich gestehen, dass ich dann doch sehr froh war, dass so viele ehemalige Wegbegleiter gekommen waren. Nach 17 Jahren ist das vielleicht auch nicht selbstverständlich. Aus London, Saarbrücken und nicht zuletzt aus der Schweiz.
Vielleicht senden Sie eine Mail mit dem Link zu Ihrem Artikel (hier der direkte Link: http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=141) an alle Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich denke, die meisten werden sich darüber sehr freuen.
Mit den allerbesten Grüssen aus der schönsten Stadt der Welt

Philipp