Gemeinschaftsbildung als erzieherische Aufgabe

Gedanken zur grundlegenden Aufgabe des Kindergartens für die Entwicklung und das Lernen des Kindes in der Schule früher, heute und auch in Zukunft

von Sibylle Jagmetti

Die Ausbildung zur Kindergärtnerin im Kindergärtnerinnen-Seminar war zu meiner Zeit sehr umfassend und fand auf hohem pädagogischen wie auch methodisch-didaktischem Niveau statt. Die Anforderungen, die an die Kindergärtnerin gestellt wurden und werden, sind vielfältig, auf die Bedürfnisse der Kindergartenkinder abgestimmt und sehr praxisbezogen. So arbeitet die Kindergärtnerin mit altersdurchmischten Kindergruppen, und sowohl Sozialisation wie auch individuelle Förderung sind seit jeher Schwerpunkte. Die Altersheterogenität ist im Kindergarten mit zwei bis drei Jahrgängen in jeder Hinsicht sinnvoll. Eine für das Kind ruhige überschaubare Gemeinschaft ist Voraussetzung dafür, dass sich jedes Kind, das ja das erste Mal aus der Familie heraus täglich in eine grössere Gemeinschaft kommt, eine sichere Gefühlsgrundlage für diese neue Lebenssituation aneignen kann. Es ist eine grundlegende, wichtige und schöne Aufgabe und war auch schon immer das Anliegen der Kindergärtnerin, die Kinder in ihrem sozialen Verhalten zu stärken, sie im Mit- und Voneinander-Lernen zu unterstützen, jedes Kind in seiner Persönlichkeit zu erfassen, seinen Entwicklungsstand zu berücksichtigen und es dementsprechend zu stützen, zu ermutigen, zu fordern und zu fördern, um allen Kindern so gut wie möglich die Chancengleichheit zu gewährleisten.

Eine Individualisierung jedoch, wie sie heute in Kindergarten und Schule praktiziert wird, bei der die gemeinschaftliche Förderung nicht genügend berücksichtigt wird, fördert ungesundes Konkurrenzdenken, ein Sich-über-die-anderen-Stellen, Nur-noch-an-seinen-eigenen-Vorteil-Denken und Einzelkämpfertum. Die im bisherigen Kindergartenunterricht vermittelten Grunderfahrungen und -kenntnisse in den verschiedensten Wahrnehmungs- und Handlungsbereichen sind die besten Voraussetzungen für alle Kinder, um sie dann in der ersten Klasse, darauf aufbauend, ins Lesen, Schreiben, Rechnen usw. einzuführen. Unabhängig davon, ob die Kinder schon im Kindergarten Interesse an diesen Kulturtechniken haben, freuen sie sich in der Regel, gemeinsam mit den Kameraden in die Schule einzutreten; stolz, dann auch zu den «richtigen» Schülern zu gehören. Dieser Schritt ist auch kein Bruch, wie es uns die Befürworter des sanften, fliessenden Übergangs vom Kindergarten zur Schule, der sogenannten Grundstufe, weismachen wollen, sondern eine neue, schöne Herausforderung für jedes Kind. Eine Herausforderung, wie sie das Leben immer wieder bringen wird. Es geht nicht darum, Anforderungen und Probleme aus dem Weg zu schaffen oder vom Kind fernzuhalten, sondern die Kinder zu stärken, solche Aufgaben mutig anzupacken, ihr Selbstwertgefühl so zu stärken, damit sie dem Bewältigen solcher Klippen, solcher Anforderungen gewachsen sind.

Das Menschenbild

Meine Arbeit und Aufgabe als Kindergärtnerin, die ich während 41 Jahren, mein ganzes Berufsleben lang, am selben Ort erfolgreich und zur Zufriedenheit aller Kinder, Eltern und Behörden ausübte, erfüllte mich bis zur Pensionierung mit Freude und Genugtuung. Das heisst nicht, dass es keine Probleme gab. In diesem Beruf gehören diese zum Alltag, und oft war ich auch mit schwierigen Situationen konfrontiert. Weshalb ich mit diesen Herausforderungen gut zu Rande kam, war, dass die Grundlage meiner Arbeit das personale Menschenbild war. Durch die Auseinandersetzung mit individualpsychologischen und pädagogischen Fragen schon in der Ausbildung im Kindergärtnerinnenseminar und auch später in Kursen bei der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle von Friedrich Liebling und beim Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis unter der fachlichen Leitung von Frau Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser, im Lesen von vertiefender Literatur (zum Beispiel Alfons Simon, F. Ferrer, Alfred Adler) und im Überprüfen in der Praxis gewann ich die Sicherheit und Überzeugung, dass der Mensch in seinem Innersten ein Gemeinschaftswesen ist. Von Natur aus möchte das Kind mittun, sich zusammentun mit den anderen. Es ist für seine Entwicklung in allen Bereichen auf den Mitmenschen angewiesen und kann nur in der Beziehung, durch die Beziehung lernen. Dies ist kein Gegensatz zur Selbständigkeit, im Gegenteil. Erst durch Sicherheit in der Beziehung kann das Kind selbständig werden. Was darunter zu verstehen ist, wie ich das meine und sehe, werde ich im folgenden darstellen.

Aus meiner Kindergartenpraxis: Der erste Kindergartentag

Meine Arbeit mit den neu eintretenden Kindern beginnt schon am ersten Kindergartentag, an dem sie eingeführt werden ins gemeinsame Lernen und Tun. Ich habe schon am Tag vorher einiges mit den «Grossen», den Kindern, die nun das zweite Kindergartenjahr beginnen, vorbereitet und ihnen erklärt, dass ich um sie und ihre Mithilfe sehr froh sei; sie wüssten schon, wie es im Kindergarten läuft, sie hätten schon viel gelernt.
Am ersten Tag werden die neuen Kinder von den Eltern begleitet, und ich begrüsse sie einzeln in der Garderobe. Hier können sie einen Platz aussuchen, wo sie ihre Jacken aufhängen, ihre Schuhe hinstellen, die Finken anziehen und das Znünitäschli deponieren können. Der erste Tag beginnt ganz normal, damit die Kinder von Anfang an wissen, wie es hier zu- und hergeht. Es wird alles gezeigt und/oder vorgemacht. Das heisst natürlich nicht, dass alles schon klappen muss, aber es ist wichtig, dass die Kinder eine klare Orientierung bekommen. Es ist der Beginn vom Lernen und Üben. Die Grossen erwarten die Neuen im Stübli (Stuhlkreis), wo sie miteinander ein einfaches Spiel machen, bis alle da sind und auf ihrem Stuhl sitzen und auch die Eltern hinter dem Stuhlkreis einen Platz eingenommen haben. Dann begrüsse ich kurz die Eltern und die Kinder und gebe zum Ausdruck, dass die Grossen und ich uns auf die neuen Freunde freuen und darauf, sie alle kennenzulernen. Die Grossen und ich singen ein Lied, das die Neuen eventuell auch schon kennen, und laden die, die gerne möchten, zum Mitsingen ein. Ich gebe meiner Freude Ausdruck, wie das schön getönt habe. Ich frage, ob eines der Neuen auch schon ein Lied kennen würde und das gerne vorsingen möchte. Meistens gibt es einige Kinder, die dies gerne tun. Ich kommentiere dies anschliessend, und zwar so: Ist das Kind zufrieden oder stolz, dass es schon alleine ein Liedchen singen kann, bin ich beeindruckt und lobe es. Hat das Kind offensichtlich falsch gesungen, den Text nicht mehr weiter gewusst oder ist verunsichert, oder hat sogar ein Kind oder haben mehrere gelacht, ergreife ich das erste Mal die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass wir das im Kindergarten so halten, dass wir niemanden auslachen. Dies sei nämlich sehr wichtig! «Wenn ihr in den Kindergarten kommt, wisst ihr und könnt ihr schon einiges, aber vieles auch noch nicht, müsst ihr auch noch nicht können. Deshalb kommt ihr hierher, um ganz vieles zu lernen. Darum müsst ihr wissen, dass es nichts macht, wenn man etwas noch nicht kann oder noch nicht so gut oder wenn ihr Fehler oder etwas falsch macht. Nur so kann man beginnen, etwas auszuprobieren, immer wieder zu machen und so zu üben, bis man etwas immer besser kann, wie zum Beispiel beim Singen von einem Lied. Wenn jetzt aber ein Kind ausgelacht wird, wenn es etwas nicht so gut kann, bekommt es Angst und hört auf zu üben und wird so vielleicht gar nicht mehr weiter lernen.
Dann machen wir gemeinsam ein Bewegungs- oder einfaches Singspiel, wo jedes Kind mitmachen kann. Meistens möchten einige Kinder noch nicht mittun, ist es doch der erste Tag in einer neuen, noch fremden Umgebung und viele beobachtende Augen rundherum. So ist es für einige nicht ganz einfach, sich zu exponieren. Auch dies thematisiere ich kurz und beruhige Kinder und Eltern, dass es gar nichts macht, dass wir viel Zeit hätten, all diese neuen Sachen kennenzulernen und mitzutun. Manche sind schneller im Ausprobieren, andere schauen lieber zu und lernen vom Abgucken. Und wenn sie dann sicherer werden, tun sie auch bald mit. Allen Zeit lassen!
Dann möchten wir auch unsere Namen kennenlernen, was natürlich auch längere Zeit brauchen wird, aber wir beginnen schon einmal damit. Ich verbinde das jeweils mit einem Bewegungsspiel: Ich rufe einen Namen und fordere dieses Kind auf, entweder auf einem Bein im Kreis zu hüpfen oder vom Stuhl auf den Boden zu gumpen. So ist einerseits schon jedes Kind einmal persönlich angesprochen, fühlt sich gemeint und schon ein wenig dazugehörig. Auch hier bietet sich je nachdem wieder die Gelegenheit, kurz das Fehlermachen, das Nicht-Auslachen, das Lernen und Üben anzusprechen und anhand einer von allen miteinander real erlebten Situation Grundlegendes zu vermitteln. Es ist naheliegend, dass bei einer solchen Übung die Grossen offensichtlich geschickter sind und dies das Resultat von einem Jahr Üben ist. So werden die, die es noch nicht können, durch viel Üben auch so weit kommen.
Dann führe ich mit den Kindern ein kurzes, einfaches Gespräch darüber, was sie erwarten, was sie gerne machen und worauf sie sich freuen. Zuerst erkläre ich ihnen noch, dass dasjenige Kind, das gerne etwas sagen möchte, die Hand heben soll. Es sei wichtig, dass wir jedem, der etwas sagt, zuhören. Wenn nämlich alle gleichzeitig rufen und reden würden, könne man gar nichts verstehen. Natürlich klappt dies noch wenig, aber es ist wichtig, dies schon von Anfang an als Orientierung zu geben. Zwischendurch machen wir wieder ein einfaches Ball- oder Bewegungsspiel. Ich nehme die verschiedenen Wünsche und Ideen entgegen. Die Grossen erzählen ihrerseits, was wir hier im Kindergarten alles machen. Ich erkläre allen, dass die Grossen im ersten Jahr schon viel gelernt haben, dass die Neuen von ihnen vieles abschauen können und die Grossen ihnen auch gerne behilflich sind. Ich gebe zum Ausdruck, dass ich mich freue, mit ihnen allen nun zusammen zu spielen, zu schaffen und zu lernen. Damit wir dies alles miteinander tun können, sei es wichtig, dass kein Kind andere schlägt oder plagt. Wenn es etwas gerne möchte oder wenn es sich ärgert, dass ein anderes Kind ihm etwas wegnimmt, dann soll es versuchen, mit dem anderen zu sprechen. Wenn dies nicht möglich ist, soll es zu mir kommen. Ich werde dabei helfen, die Konflikte zu lösen, und zwar so, dass wir im Kindergarten lernen, miteinander zu sprechen. Denn nur so können wir Freunde werden und es gut haben zusammen.
Ich habe hier den ersten Kindergartentag nicht methodisch-didaktisch beschrieben, da eine Kindergärtnerin dies (jedenfalls bisher) sehr gut selber gestalten kann. Ich versuchte möglichst einfach, jedoch ausführlich zu schildern, worauf es, auf Grund meiner Erfahrung, von Anfang an ankommt. Es ist ausschlaggebend, wie ich an die Kinder herantrete, auf meine Haltung und Einstellung zum Kind, zu den Eltern, zu den Menschen überhaupt kommt es an. Es muss mir bewusst sein, dass ich, die Kindergärtnerin, ein prägendes Vorbild bin. Ich darf in jeder Hinsicht absolut keine Vorurteile haben! Nur so kann ich das Vertrauen und den Respekt der Kinder wie auch der Eltern gewinnen.
Noch einen wichtigen Punkt möchte ich anfügen: Schon am ersten Kindergartentag teile ich den Eltern mit, dass ich sie bald einmal einladen werde, um sie und dadurch auch ihr Kind besser kennenzulernen. Auch sollen sie sich, falls ein Problem auftauchen sollte, an mich wenden. So könnten wir im Gespräch die Dinge klären, und so könnten Missverständnisse vermieden werden. Jedem einzelnen Elternpaar schreibe ich von Hand ein Brieflein, worin ich beide (falls der erziehende Elternteil nicht alleinstehend ist), zu einem Kennenlern-Gespräch einlade. Ich betone, dass es mich freuen würde, wenn der Vater auch kommen könnte. Ich machte die Erfahrung, dass in den allermeisten Fällen, wenn es nicht von der Arbeit her unmöglich war, die Väter sich sehr geschätzt und einbezogen fühlten und sehr gerne kamen, auch die meisten Väter mit Migrationshintergrund. In diesem Gespräch geht es mir vor allem darum, auch hier wieder die Grundlage zur Zusammenarbeit zu legen. Zum Einstieg schildere ich ihnen zuerst einmal meine posi­tiven Eindrücke, die ich von ihrem Kind habe. Haben die Eltern etwelche Bedenken oder ist mir schon etwas aufgefallen, so betone ich, dass ihr Kind jetzt neu in den Kindergarten gekommen ist und es vieles zu lernen gibt, dass wir aber nun zwei Jahre Zeit haben dafür. Wie ich schon erwähnt habe, ging es mir um das unvoreingenommene Kennen- und Verstehenlernen der Eltern und ihres Kindes. Die Eltern erleben dies ausnahmslos als Interesse an ihnen, ihrer Familie und ihrer Herkunft. Sie fühlen sich entgegengenommen, und so entsteht schon von Anfang an eine Stimmung des Vertrauens, ein Boden zu konstruktiver Zusammenarbeit. Was schon am ersten Kindergartentag, wo die Eltern mit dabei sind, sichtbar und erlebbar ist, nämlich was mir im Kindergarten die wichtigsten Anliegen sind, flechte ich auch ins Gespräch mit ein, wenn die Eltern erzählen oder anhand von Situationen aus dem Kindergartenalltag. Dieses ­positive Erlebnis tragen die Eltern nach Hause, und so spüre ich auch bei den Kindern, wie sie durch die Unterstützung der Eltern zusätzlich motiviert in den Kindergarten kommen und aufs Lernen eingestellt sind. Es sind jedoch dadurch nicht schon von Anfang an alle Schwierigkeiten und Probleme behoben, aber es ist der Boden gelegt, auf dem diese zum Teil nicht ganz einfache Arbeit gelingen kann. Und dies ermöglicht frohes Lernen und das Zusammenwachsen zu einer schönen Gemeinschaft.    •