Wird die EU zum Vierten Reich?

ab. Wer sich in die 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts wieder einliest und Bücher aus dem Büchergestell holt, die er in Studienjahren geliebt, aber seither nicht mehr als so vordringlich betrachtet hat, hält bei manchen Texten Satz für Satz den Atem an: trifft genau für heute zu! Was sie sagen, was sie tun, was sie vorbereiten – genau gleich: Nur ein bisschen anders gestylt, als Hitler es war, sind die Damen und Herren Diktatoren von heute.
Ja, die Damen gehören heute auch dazu. Die «International Herald Tribune» hat nicht umsonst seit über einem Jahr über den ­«female factor» philosophiert und die nötigen Fotos von Frauen aus dem islamischen Bereich (US-gestylt!) eingespeist, so dass wir noch monatelang «Arabellionen» als Frauen-Enwicklungsdienst vermarkten können, bis die Nordafrikaner dann EU-kompatibel sind. Dass Tunesien und Ägypten mit dem Ausarbeiten einer Verfassung trotz so viel Nato-Protektion nicht vorankommen, dürfte auch da seinen Zusammenhang haben, wo Schachtschneider ihn aufzeigt: Weil der Aufbau eines demokratischen Nationalstaates gar nicht mehr gewollt ist. Das hätte die EU auch von Anfang an sagen können. Es hätte viel Kosten für Propaganda, Sendezeiten und Bomben erspart. Und wir Schweizer würden unseren Deutschschweizer Fernsehsender weniger oft abschalten, als wir es heute tun. Avanciert de Weck zum Propaganda-Chef des Vierten Reiches?
Israel, das laut Schachtschneider auch in der EU-Planungsschlange steht, wird vermutlich beim «female factor» weniger auf Kosmetik setzen, sondern auf Tüchtigkeit. Outfit: Schicke Nato-Offizierinnen, die bei uns Ueli Maurer stellvertreten dürfen, weil dieser zu dem Zeitpunkt gerade bei Hashim Thaçi gebraucht werden könnte als Präsident einer PfP-Schlich­tungskommission. Dann wissen wir endlich, warum unsere bestausgebildeten Soldaten unbedingt dort unten bleiben müssen.
Spass beiseite: Die Sache kann schneller kommen, als wir denken, sagt Schachtschneider. Das gleiche sagt Peter Regli in jedem seiner Vorträge. «Diktatur und Chaos – das eine ist der Hebel für das andere», so Schachtschneider weiter. Darin bleibt sich die Sache mit dem Dritten Reich gleich. Regiert werden wird mit Militärmacht. Auch das bleibt sich vom Dritten zum Vierten Reich gleich. Ein kleiner Unterschied besteht allerdings: Die Nato muss nicht mehr in Allentsteig trainieren, wie es die Wehrmacht damals musste, sondern kommt frisch trainiert vom Kampffeld mit Schiessbefehl auf Europäer.
Und wir, die Schweizer Zivilgesellschaft? Mütter und Väter und Bürger, die wir sind? Weiter Sommerfeste organisieren bis zur Erschöpfung, anstatt endlich das Rollback der Bertelsmann-Reformen an unseren Schulen zu leisten und aus unserer Jugend wieder Bürger zu machen, die logisch denken können, wie unsere Mitbürger vor der Bertelsmann-Zeit es konnten? Damals hatten alle Schweizer Familien einen Stolz, wenn ihre Söhne und Töchter die ETH bevölkerten, Medizin studierten und für Qualitätsaufgaben in der Dritten Welt sich ausbilden liessen.
«Wir Jungen wollen die Schweiz verteidigen können», hat die etwa 30jährige Gymnasiallehrerin gesagt, die bei unserer Luftwaffe den Militärdienst geleistet hat. «Wer klemmt, ist die mittlere Generation, die wie älter gewordene Jugendliche wirkt.» Und das sind aber nicht nur die, die immer noch von der Welt als Blumenwiese wie in den 60er Jahren träumen (was sie damals gar nicht war!), sondern auch all jene, die mit bester Ausbildung, geordneten Arbeitszeiten, wenn möglich einem Staatssalär, ohne Kinder- und ähnliche Verantwortung durchgekommen sind. Wenn sie nun um die kleinste politische Handreichung gebeten werden, müssen sie gerade einen «Partnerschaftstag» einziehen. Statt dessen würde anstehen, dass in jeder Familie und in jedem Haus eine Samariter- oder Feuerwehrfrau dazugehört. Die Kinder würden im Wettlauf mit ähnlicher Ausbildung hinterherkommen. In den Gemeinden würde im Nu die Fähigkeit zur Krisenbewältigung wachsen, wenn das mit ein klein wenig Freude initiiert wird.
Für die Bürger in Deutschland gilt bereits Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 4: Das Recht zum Widerstand wegen Gefahr der Abschaffung der Demokratie, das nach Schachtschneider auch eine Pflicht zum Widerstand ist. «Ist der Zeitpunkt gekommen?» fragt ­Elsässer. «Allemal». Aber nicht der Kampf mit Kalaschnikows, das würde nichts bringen. «Es geht um Demonstrationen, Wahlenthaltungen oder die Wahl freiheitlicher Parteien», sagt Schachtschneider. Vielleicht die Finnen fragen, wie ihre «wahren» Finnen passend ins Deutsche übersetzt werden könnten?
Es wird kein leichter Spaziergang werden, aber der Lebenswille ist bei jedem von uns eine inhärente starke Kraft. Lesen Sie nun vielleicht den obigen Textausschnitt von Jean Rodolphe von Salis von 1945, ersetzen Sie gegebenfalls den Namen Hitler und prüfen Sie, ob der Text nicht Satz für Satz für heute stimmt. Den letzten Satz müssen Sie aber ganz zu Ende lesen!    •

Alles hatte getrogen, was man ihnen eingeredet und eingetrichtert hatte, und sie sind von einer Führung,  die als «einmalig», «genial» und «unfehlbar» gepriesen wurde, um alles betrogen worden. «Wir haben alles von vornherein einkalkuliert», war einer der berühmtesten Aussprüche Hitlers. Also wohl auch den Untergang. Denn nie war eine Politik so abenteuerlich und unrealistisch wie diejenige, die sich für höchste «Realpolitik» ausgab. Es ist eine vollkommene Täuschung, ja die grösste Utopie, eine Politik einzig und allein auf Macht aufbauen zu wollen; denn reine, unbeschränkte, gänzlich amoralische und bloss materielle Macht hat niemals Dauer. Sie ruft nach Gegenkräften, anderen Mächten, und nur diejenige ­Politik ist wahrhaft realistisch, die an sich selbst den Massstab vernünftiger Kritik anzulegen vermag, die das Vorhandensein anderer Völker, Strömungen, Gedanken wahrzunehmen und mit ihnen zu rechnen versteht, und die weiss, dass zwar die Macht des Amoralischen in der Welt gewaltig ist, dass jedoch auch die moralischen Mächte als ein unberechenbarer, aber manchmal unerwartet mächtig auftretender Faktor in den Ablauf der Menschheitsgeschichte einzugreifen vermögen.

Quelle: Jean Rodolphe von Salis: «Kriege und Frieden in Europa.
Politische Schriften und Reden 1939–1988», Auszug aus dem Kapitel «Kriegsende in Europa, Mai 1945» (S. 87), Zürich und Wiesbaden 1989, ISBN 3-280-01921-4