IG-Stationshalter gegründet

Erhalt von Bahnhöfen mit privaten Betreibern gefordert

Ein Interview mit Nationalrat Jakob Büchler, CVP SG

thk. Nachdem die SBB vor Jahren begonnen hatten, kleinere Bahnhöfe zu schliessen und diese dann von Privaten weitergeführt wurden, setzen sie jetzt erneut den Hebel an und wollen den privaten Bahnhöfen die Provisionen entziehen, die sie für den Verkauf von Generalabonnements bekommen haben. Für die SBB als Ganze kann dies kein relevanter Teil sein, für die Gemeinden mit verlassenen Bahnhöfen jedoch schon. Dass an der Spitze unserer Schweizer Organisationen immer noch dem Gemeinwohl nicht verpflichtetes Denken herrscht, das glaubt, die Bevölkerung ärgern zu können, wo es nur geht, muss ein Ende nehmen. Wenn das in die Tat umgesetzt wird, bedeutet dies ein Verschwinden weiterer Bahnhöfe. Dagegen formiert sich aus der Bürgerschaft Widerstand. Nationalrat Jakob Büchler unterstützt diese Initiative. Durch eine Weltwirtschaftskrise geht nun auch die Schweiz mit ihrer Bevölkerung, und zwar auch dann, wenn Gewinnzahlen sich alle schon in Luft aufgelöst haben und wenn kein Dünkel und keine geschniegelte Arroganz mehr hilft, um sich an der Gemeindeversammlung vor den Mitbürgern zu rechtfertigen.

Zeit-Fragen: Wie ist es zur Gründung dieser «Interessengemeinschaft Stationshalter» gekommen?

Jakob Büchler: Ich bin von Karl Richenbach in Schänis angesprochen worden. Karl Richenbach hat seit ungefähr 10 Jahren den Bahnhof in Schänis geführt, nachdem die SBB damals entschieden hatten, den Bahnhof zu schliessen. Er hat am Anfang einen Kiosk aufgemacht und diesen dann mit der Zeit vergrössert. Heute können die Kunden Kaffee und Gipfeli bekommen, und seit kurzem führt er noch ein Reisebüro. Er bietet heute Reisen um die ganze Welt an. So hat er eigentlich einen Dienstleistungsbetrieb aufgebaut und dazu noch für drei Lehrlinge eine KV-Lehrstelle geschaffen. Das ist sehr wertvolle Arbeit, auch für unsere Gemeinde. Wenn man auf den Zug geht, hat man immer noch ein bisschen Zeit und kann direkt an der Haltestelle noch etwas Kleines konsumieren, die Zeitung kaufen usw. Deshalb wäre es bedauerlich, wenn das einginge. Dagegen wollten wir etwas organisieren. Und so entstand diese Interessengemeinschaft.

Wie kam es zu der Übernahme des Bahnhofs durch eine Privatperson?

Vor zehn Jahren ist der Bahnhof verändert worden. Es gab kein Abstellgleis mehr. Früher hatte es noch drei Gleise, die hat man herausgerissen, so dass es nur noch eine Spur gibt. Es ist eigentlich nur noch eine Zughaltestelle. Der Zug kommt, die Leute steigen ein und aus. Dank Karl Richenbach kann man vor Ort noch ein Billett lösen, und zwar hat er sehr lange Öffnungszeiten, auch am Wochenende. Es gibt dort einen Billettautomat, aber wir wissen, dass diese nicht immer zuverlässig funktionieren. Die Bevölkerung schätzt das sehr, und er hat guten Zulauf.

Warum besteht jetzt nach 10 Jahren wieder die Gefahr, dass dieser kleine Dienstleistungsbetrieb schliessen muss?

Karl Richenbach ist vor die Tatsache gestellt worden, dass die SBB ihm die Provision, die er bisher für den Verkauf eines Generalabonnements (GA) bekommen hat, nicht mehr auszahlen will. Das waren bei einem GA für die 1. Klasse etwa 420 Franken. In Zukunft soll er nur noch 50 Franken dafür bekommen. Und zu Recht sagt er natürlich, was beim GA anfängt, gilt nachher für alle Billette. So hat er Verbündete gesucht und gefunden, auch im Kanton Thurgau, in Islikon und Ermatingen ist es genau die gleiche Situation. Auch in Baselland gibt es Beispiele, wo Stationshalter gesagt haben, das lassen wir uns nicht gefallen. Diese Vorgänge haben dann zur Gründung der Interessengemeinschaft geführt. Am 27. August werden wir uns treffen und überlegen, wie wir vorgehen wollen.

Wie ist die «Interessengemeinschaft Stationshalter» organisiert?

Die IG ist ein Verein mit Statuten und einem Vorstand. Jeder interessierte Bürger kann in diesem Verein Mitglied werden. Je mehr uns unterstützen, desto besser können wir unser Anliegen vertreten. Wir sind noch ein sehr junger Verein, aber jetzt müssen wir langsam anfangen zu arbeiten. Das Pflänzchen ist noch sehr klein, aber ich bin überzeugt, wir müssen etwas gegen den Gegenwind der SBB unternehmen. Wenn man nichts macht, kann man auch nichts bewirken. Wir müssen einmal einen Nagel einschlagen, und daraus kann sich dann ein ganzes Nagelbrett ergeben. Die Gründung der Interessengemeinschaft ist vollzogen, und nun geht es weiter.

Auf verschiedenen Ebenen können wir in den letzten Jahren eine immer stärkere Rücksichtslosigkeit gegen die Bevölkerung beobachten. Die SBB haben seit Jahren immer wieder Bahnhöfe geschlossen oder abgerissen. Wenn sie jetzt privaten Betreibern die Unterstützung entziehen, wird ein weiterer wichtiger Teil abgebaut. Oder wie muss man das sehen?

Das ist sehr zu befürchten. Der erste Schritt ist das Kürzen der Provision beim Verkauf eines Generalabonnements, als nächstes werden die gewöhnlichen Billette drankommen. Ich kann mir schon vorstellen, wie argumentiert wird. Ein ähnlicher Schritt ist, dass die SBB angekündigt haben, keine Billette mehr im Zug zu verkaufen. Das ist doch völlig falsch. Das ist kein Dienst mehr am Kunden. Es gibt sehr viele Leute, die kurzfristig den Zug nehmen. Auch gibt es Leute, die mit diesen Automaten nicht zurechtkommen. Ich denke da besonders an ältere Leute. Das leitet eine Abwärtsspirale ein: Man fährt nicht mehr gerne mit dem Zug, sondern organisiert sich ein Auto. Es gibt auch Situationen, bei denen der Automat ausser Betrieb ist oder nicht richtig funktioniert. Das ist meiner Frau passiert, und am Schluss musste sie bei einer Kontrolle eine Busse bezahlen. Das ist keine Dienstleistung der SBB mehr. Dieser Strategie möchten wir mit der IG etwas entgegenhalten und bei der SBB bis in die oberste Etage in Kontakt kommen sowie klar signalisieren, dass es so nicht geht. Wir haben am Schluss nur noch Bahnhöfe an den grossen Strecken, wo man ein Billett lösen kann. Auf den übrigen Bahnhöfen ist das dann nicht mehr möglich. Das wollen wir verhindern.
Es kann nicht sein, dass hier nur das wirtschaftliche Denken zählt, nur noch die Rentabilität. Dort, wo es sich nicht lohnt, stellt man den Betrieb ein. Das ist eine falsche Überlegung. Der Service public gilt auch für die Post. Auch hier waren diese Bestrebungen im Gange, und mit politischem Druck konnte man einiges korrigieren und verbessern. Heute sehen wir, dass die SBB den gleichen Weg einschlagen wollen. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig in unserem Sinn die Weichen zu stellen, damit es nicht den Weg nimmt, wie es die Konzernleitung möchte, nämlich nur noch die grossen Bahnhöfe zu unterstützen und die kleinen auszuhungern. Das darf nicht sein, das ist keine Dienstleistung für unser dichtbesiedeltes und doch dezentralisiertes Land. Gerade deshalb sollte man den Schienenverkehr fördern und nicht behindern. Wenn man das Angebot auf der Schiene sukzessive streicht, dann ist das keine gute Entwicklung.

Wie haben die SBB darauf reagiert?

Bisher noch nicht direkt. Es gab wohl ein Treffen mit den Stationshaltern, aber mit negativem Resultat. Das habe ich auch nicht anders erwartet. Man hat die alten Verträge gekündigt, und wie die neuen aussehen sollen, ist nicht bekannt. Sie werden dann vor fertige Tatsachen gestellt. Das kann man nicht akzeptieren, das ist nicht der Weg des Service public einer Bundesbahn. Stationshalter von Privatbahnen möchten wir auch mit einbeziehen, wenn sie Interesse haben, aber hier sieht es noch nicht so dramatisch aus, die SBB sind in diesem Fall besonders hart und rücksichtslos.

Haben Sie schon Reaktionen aus der Bevölkerung vernommen?

Die Bevölkerung hat stark reagiert, und zwar sehr positiv. Die Gemeinde Schänis hat sofort signalisiert, dass sie mithelfen will, die Schliessung der Station zu verhindern. Sehr viele Privatpersonen schätzen das sehr, dass es die Stationen gibt wie in Schänis oder an anderen Orten. Auch im Bereich der elektronischen Post habe ich viele Reaktionen aus der Bevölkerung, und das stimmt mich sehr zuversichtlich. Auch die Medien haben sich interessiert. Das Interesse ist gross, und es wird deutlich, dass die Bevölkerung, die Bürgerinnen und Bürger, sich hier gegen die Schliessung einzelner Bahnhöfe wehren, und das wird mit der IG besser möglich sein.
Wenn die SBB weiterhin Dienstleister sein wollen, dann können sie nicht auf eine Schliessung dieser Stationen hinarbeiten, indem man den Betreibern den Gewinn streicht und somit das Überleben verunmöglicht. Und hier möchte ich mithelfen, das zu vermeiden. Als Parlamentarier hat man mich angefragt, und ich habe gerne zugesagt, um auch zu erreichen, dass man mit den Verantwortlichen der SBB ins Gespräch kommt. Wir werden etwas unternehmen.    •

Unterstützung für die IG-Stationshalter

Wer die Initiative unterstützen möchte, kann dem Verein IG-Sta­tionshalter als Mitglied beitreten.
Unter www.ig-stationshalter.ch findet man das Anmeldeformular für die Vereinsmitgliedschaft sowie weiterführende Informationen.