Sachverstand oder neoliberales Wirtschaftsdenken?

Schweiz

zf. In Zürich alarmieren Berichte über schwerere Differenzen zwischen leitenden Ärzten und Klinikdirektoren mit der  Verwaltungsspitze. Die Macht liegt heute bei den Wirtschaftsverwaltern, und sie scheinen sie auch genüsslich auszuspielen. Wenn die leitenden Ärzte und Klinikdirektoren aber ein Konzept ausarbeiten, das sowohl den Patienten gerecht wird als auch wirtschaftlich tragbar ist, dann ist das Allgemeinwohl tangiert. Vor Wochen schon hat eine Ärztegruppe darauf hingewiesen, dass qualitativ saubere Behandlung auch volkswirtschaftlich besser ist als platte Schema-F-Behandlung, bei der die Restprobleme nur weiter die Arbeitsfähigkeit der Bürger beeinträchtigen und nicht zuletzt zu chronischen Verläufen und IV-Fällen führen können.
Wenn wir den Patienten als Mitmenschen definieren, der durch eine Verletzung, eine Krankheit oder eine Fehlbildung sich in seiner Integrität bedroht fühlt, muss neoliberalen Optimierungsstrategien im Gesundheitswesen mit gesunder Skepsis begegnet werden. Der Aufstand der Kaderärzte (leitende Ärzte, Klinikdirektoren) reflektiert das Bestreben, dass Ärzte Patienten, und nicht Kunden behandeln wollen. Noch hat keine Optimierungsstrategie einen Patien­ten gesund gemacht, und ­genausowenig geht ein Patient in sein Spital wegen der «ausgezeichneten» Verwaltung.
Woher kommt eigentlich dieses grobe Renditedenken auch in Bereichen, die mit öffentlichen Geldern arbeiten? Die Krankenkassenbeiträge sind obligatorisch, die Rendite an der Börse aber nicht. Mit Staunen findet man im Buch «Bertelsmann-Republik Deutschland» auch ein Kapitel übers Spitalwesen, das einem sehr zu denken gibt. In der Schweiz soll es einen Ableger «Jacobs-Stiftung» geben, der im Gesundheitswesen seinen Kochlöffel drin hat. Spielen sie bei solchen Konflikten mit, oder hat der «selige Zeitgeist» so um sich gegriffen, dass er mit den Finanzrezepten von vorgestern nicht nur die Bevölkerung, sondern auch den Sachverstand der Ärzte traktiert? Kommt das Umdenken erst nach dem Dollar-Crash?

Allheilmittel: Wettbewerb durch Privatisierung

«Die Stiftung diskutiert und empfiehlt auch nicht nur, sie berät Ministerien und tauscht sich mit Fachpolitikern aus. Sie organisiert Debatten über die Reform und bestimmt die Agenda. Und sie hat ein gemeinnütziges Centrum für Krankenhausmanagement (CKM) gegründet, das Krankenhäuser berät. Es ist an die Universität Münster angegliedert und erweckt dadurch den Eindruck von Unabhängigkeit. Entstanden ist es auf Betreiben von Reinhard Mohn, nach dessen Eindruck und Diagnose das deutsche Gesundheitswesen vor allem an mangelndem Wettbewerb krankt. Sein Allheilmittel: Wettbewerb durch Privatisierung.» S. 193
«Das Interesse des Unternehmens bedeutet: Kommunale Krankenhäuser möglichst kostengünstig zu übernehmen, um dann lukrative Angebote der Kliniken beizubehalten und auszubauen und weniger lukrative Angebote abzustossen und einzustellen. Der Betrieb soll dann rund 10 Prozent Rendite abwerfen. Mit einer Vollversorgung der Bürger hat das wenig zu tun.» S. 194
«Wie sollen Politiker und Fachleute Hinweise aus ihrem Geschäftsbereich in der Stiftung deuten? Eigentlich müssten sie stets prüfen, inwiefern Interessen des grössten privaten Klinikbetreibers berührt sind. Da die Stiftung im Bereich Krankenhaus und Gesundheit stets für mehr Wettbewerb und Privatisierung eintritt, ist das eigentlich immer der Fall. Unabhängig bedeutet in diesem Fall also: unabhängig von den Interessen der Allgemeinheit, im Denken abhängig von einem privaten Klinikbetreiber. Man könnte auch sagen: Brigitte Mohn hat sich für jeden erkennbar als Lobbyistin der privaten Klinikbetreiber positioniert.» S. 194

Quelle: Thomas Schuler, Bertelsmannrepublik Deutschland,
Eine Stiftung macht Politik, ISBN 978-3-593-39097-0