«Mit Elan und Optimismus sein Leben gestalten»

Über die Jugendarbeit der Kirche

Ein Gespräch mit Dr. Gerhard Ludwig Müller, Bischof von Regensburg

Zeit-Fragen: Herr Bischof, inwiefern sind in der Jugendarbeit der Kirche aktuelle Gefährdungen wie Drogen, übermässiger Medienkonsum oder Gewalt Themen?

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Unsere Kinder und Jugendlichen kommen aus der Welt, in der wir alle leben. Sie dürfen sich nicht vorstellen, dass die in der Diözese organisierten Jugendlichen einen absoluten Gegenpol zur sonstigen Gesellschaft darstellen. Sie kommen zum Teil auch aus Familien, in denen sie Gewalt erleben. Andere müssen erleben, wie sich die Eltern trennen oder kommen aus Patchwork-Familien, hin- und hergeschoben. Und es findet sich auch viel anderes, was oft nicht reflektiert wird, weil es bisweilen nur als technisches Problem angesehen wird: wenn man z. B. die Jugendlichen von ihrer Heimat in 15 Kilometer weit entfernt liegende Zentralschulen verfrachtet. Was bewirkt das eigentlich psychologisch, sozialpsychologisch? Oft ist eine mangelnde Verwurzelung in der Heimat die Folge, weil nicht vom Empfinden der Jugendlichen ausgegangen wird.
Von manchen Politikern, die das von den psychologischen Auswirkungen abkoppeln und lediglich als Frage der Organisation betrachten, erwarte ich nicht viel. Manchmal heisst es dann: «Ja gut, die Eltern sind gezwungen – oder die alleinstehende Mutter ist gezwungen –, ihr Kind den ganzen Tag in der Schule abzugeben.» Könnte die Frage aber nicht auch einmal umgekehrt lauten: Was tun wir dafür, dass die Arbeitssituationen von Vätern und Müttern so gestaltet werden, dass sie auch familien- und kinderfreundlich sind?
Der Kontakt von Mutter und Kind muss intensiv, dem Alter entsprechend geprägt sein. Je jünger das Kind, desto intensiver muss der Kontakt sein. Aber das wird im gesellschaftlichen Diskurs oft nicht gesehen. Auch deshalb gibt es Gewalttätigkeit und innere Leere, die dann durch den Konsum von Drogen etc. überwunden werden soll. Manche fordern als Reaktion den Einsatz von Schulpsychologen. So doktert man aber lediglich an den Symptomen herum. Wenn alles zu spät und das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann kommen die grossen Programme zur Abdeckung des Brunnens, aber man könnte vielleicht auch bereits vorher fragen: Wo sind denn die Ursachen, die Wurzeln des Ganzen? Sinnlose Gewalttätigkeiten gegen andere Personen, wie wir ihnen in den S-Bahnen, an den Bahnhöfen begegnen. Ich selbst erlebe in der Regensburger Innenstadt immer wieder Jugendliche, die völlig alkoholisiert sind. Man muss nur am Wochenende nachts durch die Strassen laufen, dann kann man die negativen Folgen sehen: Koma- oder Flat-Sauferei bis zur Besinnungslosigkeit, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit, die Nachbarschaft oder die Familie. Junge Menschen, die sich selbst zugrunde richten, keine richtigen Freundschaften, sondern nur noch Saufkumpaneien pflegen.
Oder auch die Art des Umgangs mit der Sexualität, mit der Bezogenheit der Geschlechter aufeinander. Die Übersexualisierung der Gesellschaft reduziert die Bindungsfähigkeit der Menschen und macht in letzter Konsequenz eine personale Begegnung der Liebe nicht mehr möglich. Persönliche Liebe und Begegnungen haben dann keinen Tiefgang. Wie man da an Jugendlichen schuldig wird!
Wer aber auf die negativen Folgen des die Gesellschaft Schädigenden, des die Person Schädigenden hinweist, wird schnell als Moralist abgestempelt. Hauptsächlich von denen, die mit Sex, Drogen und Alkohol ein «Bomben»-Geschäft machen. Jene, die Menschen verderben, bezeichnen uns als Moralapostel, obwohl es ihnen nicht um den Menschen geht. Man will die Jugendlichen kaputtmachen und dabei den eigenen Säckel füllen.
Von dieser Seite kommt ja auch der Versuch, die katholische Kirche als moralische Instanz zu zerstören, nach dem Motto: «Schaut auf euch selbst! Da gibt es ja auch …, zwar wenige …, aber dafür machen wir alle verantwortlich.» Wenn man das Ganze der Kampagne überblickt, die Meinungsmacher betrachtet, die sich ganz besonders hervorgetan haben, bemerkt man, dass es denen überhaupt nicht darum geht, die Opfer als Menschen wahrzunehmen.
Wenn es aber aus deren eigenen Reihen kommt, dann wird alles entschuldigt. Deshalb ist klar zu unterscheiden zwischen den furchtbaren Missbrauchsfällen und der Instrumentalisierung des Ganzen, der Kampagne, die darauf zielt, die katholische Kirche als moralische Instanz zu zerstören.

Daniel Cohn-Bendit hat sich gerühmt …

Es gab diesbezügliche Parteianträge und so fort.
Deshalb müssen wir als Kirche aus unserem Glauben heraus sagen, dass wir die Menschen nicht aufgeben, die jetzt dem «Sauf- und Drogenteufel» – wie man das früher genannt hat – verfallen sind. Wir überlassen diese Menschen nicht sich selbst und ihrem Schicksal. In unseren karitativen Einrichtungen wird viel getan, auch für straffällig gewordene Jugendliche, Alkoholkranke. Es geht darum, diese Menschen zum eigenen Wohl zu stabilisieren und ihnen positive Erfahrungen zu ermöglichen, sich selbst anzunehmen und zu akzeptieren, sich selbst zu lieben, weil alle Menschen von Gott geliebt sind, und dann das eigene Leben im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe zu verstehen und zu gestalten.

Auch in den Entwicklungsländern tut die Kirche ihre stille Arbeit seit vielen Jahren.

Unser Bistum hat viele Ordensleute, Laien und Priester, die selbstlos im Ausland tätig sind. Heute fragen viele: Warum verlässt jemand unsere Lebensform, wo alles einfacher ist und man sein Einkommen, eine hohe Lebensqualität und beste Lebensbedingungen hat? Warum geht jemand in den afrikanischen Busch oder in die südamerikanischen Anden und lässt sich von Läusen und Flöhen zerstechen? Warum setzt sich jemand freiwillig Lebensbedingungen aus, die nur schwer zu ertragen sind? Warum machen Menschen das, die doch davon scheinbar keinen Vorteil haben? Und dann wird noch von den Leuten, die hier die Menschen ausbeuten und moralisch verderben, der Zeigefinger erhoben!

Was schätzen die Kinder und Jugendlichen selbst an der kirchlichen Jugendarbeit?

Dass man eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten ist. Auch die Erfahrung, dass sie angenommen und akzeptiert sind. Für manche ist es auch ein bisschen Ersatzfamilie, aber für viele andere auch die Möglichkeit, die Jugendzeit gut zu gestalten, nicht einfach nur hinter sich zu bringen, sondern zu reifen und zu wachsen. Wir haben kürzlich ein kleines Experiment gemacht. Wir haben den «JuCat» (Jugendkatechismus), der kürzlich erschienen ist, rund 10 Mädchen im Alter von 15 bis 16 Jahren zu lesen gegeben – zum persönlichen Studium – und dann eine Gesprächsrunde veranstaltet. Sie haben gesagt, dass ihnen die Texte eine klare geistige Orientierung geben, dass sie eine Hilfe sind bei der Bewältigung der Vielfalt der medialen Angebote, des gewaltigen Durch- und Gegeneinanders und der Gehässigkeit, mit der sich die Leute in ­Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben oft gegenseitig bekämpfen.
Dass in diesen Texten das Schöne des menschlichen Lebens betont wird – als Gabe, als Geschenk Gottes – und dass man wirklich auch mit Elan, Optimismus und innerem Frohgestimmtsein sein Leben gestalten kann. Das ist schon eine Antwort auf die Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Daseins? Wie kann man auch mit viel Leiden umgehen, mit Brüchen, die es im Leben gibt? Dass man – trotz aller Brüche – nicht als Gebrochener herausgeht. Dass man sich aufrichten kann und Gott für jeden alles zum Besten führt.

Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in Ihrem Bistum bei der kirchlichen Jugendarbeit angesprochen werden und mitmachen, ist enorm (siehe Kasten). Welche Bedeutung hat dabei das Wertefundament der Kirche?

Ich glaube, die Leute wissen schon, wo wir als Kirche eigentlich herkommen und dass wir keine Wohltätigkeitsorganisation sind, sondern dass Grundlagen da sind: der Glaube an Gott, an Christus und an den Heiligen Geist, an die Gegenwart des Geistes Gottes in seiner Kirche. Deshalb haben wir ein Menschenbild, das positiv und optimistisch angelegt ist, mitmenschlich ist, weder kollektivistisch noch individualistisch, sondern eines, das betont, dass wir Menschen von Natur aus Gemeinschaftswesen sind, geschaffen als Mann und Frau. Das bezieht sich zuerst unmittelbar auf die Ehe, ist aber auch eine weitergehende Metapher, mehr sogar als eine Metapher, ein Symbol überhaupt für den Gemeinschaftsbezug des Menschen. Denn aus Vater und Mutter gehen wieder die Kinder hervor, so ist schon eine Generation hervorgewachsen. Und es heisst: «Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde» (Gen. 1, 28). Also geht es um die gesamte Menschheit.
Jeder, der darüber ein bisschen nachdenkt, weiss, dass wir aus uns allein heraus nichts können. Wir kommen auf die Welt, völlig hilflos, angewiesen auf andere. Unsere Eltern waren auch einmal Babys. Ja, so ist das: Immer ein fortschreitendes Geben, Schenken und Empfangen. Das ist eigentlich der Rhythmus, der das Ganze durchzieht, und ich glaube, es spüren viele, dass Gesellschaft nicht existieren kann, wenn sie atomisiert wird, wenn jeder nur nach seiner eigenen Lust und Laune handelt und allenfalls einschränkend gelten soll: «Jeder tut, was er will, solange man dem anderen nicht schadet.» Jedes Leben ist sinnlos, wenn es nur um sich selbst kreist. Der eine lebt vielmehr vom anderen. Man kann die Menschheit nicht einteilen in die einen, die geben, und die anderen, die nehmen. In jedem Menschen muss dieser Urrhythmus des Seins lebendig sein, und das spürt auch jeder, der selbstlos für andere da ist – der bekommt viel zurück. Nicht gerade das, was man berechnen würde; es gehört vielmehr zu uns, dass wir uns am Wohl des anderen Menschen erfreuen und selbst mit ihm aufgebaut werden.
Diese Grundprinzipien gilt es in unserer Jugendarbeit zu verwirklichen und den Jugendlichen zu vermitteln. Ich bin davon überzeugt, dass junge Menschen genau spüren, ob man sie annimmt und akzeptiert.

Herr Bischof, welchen geistigen Grundlagen folgt die Jugendarbeit in Ihrer Diözese?

Lassen Sie mich ansetzen mit einem Wort von Jesus: «Lasst die Kinder zu mir kommen.» (Matth. 19, 14). Damit sind nicht nur die Heranwachsenden im Kindesalter gemeint, sondern die jungen Menschen insgesamt. Es gibt die Erzählung von dem jungen Mann, der zu Jesus kommt und fragt: «Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?» (Matth. 19, 16) Das ist die entscheidende Frage aus dem Mund eines jungen Menschen, die für uns alle entscheidend ist. Jesus antwortet: «Halte die Gebote […]. Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.» (Matth. 19, 17ff.)
Die irdischen Güter brauchen wir zum Leben, sie können uns aber auch zu einer Falle werden. Dann klammert man sich daran und kommt so vom ewigen Leben ab. Denn die Bestimmung des Menschen geht über die irdischen Güter, über die materiellen Mittel zum Leben hinaus.
Jesus selbst war auch ein junger Mensch. Die Evangelien berichten uns von der Zeitspanne etwa von seinem 30. Lebensjahr an bis zu seinem Tod am Kreuz. Von Jesu Kindheit und Jugend wissen wir nur wenig. Was wir wissen, steht exemplarisch und symbolisch für das Ganze. Jesus hat sich der Erziehung der Eltern unterstellt, war seinen Eltern gegenüber voller Ehrfurcht. Er hat das Vierte Gebot erfüllt, es aber gleichzeitig transzendiert. Vom zwölfjährigen Jesus kennen wir die Schlüsselszene im Tempel, als er sagte: «Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?» (Luk. 2, 49) Der Vater ist der ganze Ursprung, der Bezugspunkt für die Sendung Jesu in der Vater-Sohn-Beziehung. Das ist die Mitte und die Offenbarung Gottes selbst und die Gegenwart Gottes in Jesus Christus, seinem Sohn.
Im Alter von rund 30 Jahren tritt Jesus in der Öffentlichkeit auf und verkündet das Reich Gottes. 30 Jahre – das ist für uns heute eigentlich noch sehr jung für eine öffentliche Aufgabe; biblisch aber zeigt sich, dass der junge Mensch, der Jugendliche, der junge Mann oder die junge Frau nicht als Vorstufe des Menschseins betrachtet werden, sondern eine ganz eigene Wirklichkeit beinhalten. Das ist wichtig für unser Grundverständnis: Nicht das Erwachsensein im Sinne der Mündigkeit oder der bürgerlichen Selbständigkeit ist das Nonplusultra. Das Erwachsensein hat auch eine eigene Bedeutung. Das Kind- und Jugendsein aber auch; es ist keine Vorstufe zum Menschsein.
Die Aufgabe der kirchlichen Jugendarbeit ist von daher zu beschreiben: Nicht einfach Leute rekrutieren zu wollen, Freizeitgestaltung anzubieten oder zukünftige Kirchensteuerzahler zu erziehen. Wir wollen nicht irgend etwas von den Jugendlichen und wollen sie auch nicht in irgendeiner Weise instrumentalisieren, nicht einmal für gute Zwecke. Im Zentrum steht der Grundrespekt vor jedem Menschen, der nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen worden ist.
Wir sind davon überzeugt, dass jeder Mensch schon von Kindheit an zum Denken und zum Gemeinschaftsgefühl in der Lage ist. Er hat das Recht, nicht um Gott betrogen zu werden. Es gibt keine neutrale Erziehung, weil es zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Gott und Nichts kein Neutrum gibt. Es gibt nur das Gute, das zu tun, und das Schlechte, das zu meiden ist. Daher wäre es schlecht und ein Verrat an einem jungen Menschen, ihm das tiefste Geheimnis über sich selbst, über die Natur, über die Geschichte, über die Welt vorzuenthalten: Gott selbst, wie er sich geoffenbart hat in Jesus Christus. Deshalb gehört die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch wesentlich zur kirchlichen Sendung und darf sich nicht auf Freizeitbeschäftigung und Unterhaltung von Kindern beschränken.

Herr Bischof, herzlichen Dank für dieses Gespräch.    •

Kinder und Jugendliche im Bistum Regensburg

Die meisten der folgenden Zahlen wurden im Dezember 2010 erhoben. Lediglich einige stammen aus dem Jahr 2008. Nach Angaben des Bistums hat sich hier aber in der Zwischenzeit nicht allzuviel geändert.
Das Bistum Regensburg hat folgende Jugendverbände:
•    KLJB (katholische Landjugendbewegung) mit etwa 11 000 Mitgliedern
•    Kolping-Jugend mit 4752 Mitgliedern
•    DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg) mit 2490 Mitgliedern
•    PSG (Pfadfinderinnenschaft St. Georg) mit 575 Mitgliedern
•    KJG (katholische junge Gemeinde) mit 954 Mitgliedern
•    KSJ (Katholische studierende Jugend) mit 105 Mitgliedern
•    J-GCL (Gemeinschaft christlichen Lebens) mit 301 Mitgliedern
•    CAJ (christliche Arbeiterjugend) mit 129 Mitgliedern
•    DJK (Deutsche Jugendkraft) mit 15 434 Mitgliedern
Darüber hinaus wirken im Bistum 32 826 Ministranten mit, teilweise bis weit über das 18. Lebensjahr hinaus. Im Jahr 2009 gab es im Bereich des Bistums Regensburg 293 912 katholische Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 26 Jahren, von denen 107 645 durch regelmässige kirchliche Angebote (d.h. mindestens einmal im Monat) erreicht wurden. Das entspricht 37%.