Hände weg von interkontinentalen Bienenimporten!

Im Ursprungsgebiet der berüchtigten Varroa gibt es noch weitere Milbenarten, die Bienen befallen: Vertreter der Gattung Tropilaelaps. Auch diese haben den Wirtswechsel von asiatischen Honigbienen auf unsere Apis mellifera bereits geschafft, und auch sie können gefährliche Viren übertragen.

von Benjamin Dainat (Zentrum für Bienenforschung, Agroscope Liebefeld-Posieux Alp, 3003 Bern), Tan Ken (Xishuangbanna Tropical Botanical Garden, Chinese Academy of Science, Kunming, Yunnan Province, People’s Republic of China), Hélène Berthoud, Peter Neumann (Zentrum für Bienenforschung, Agroscope Liebefeld-Posieux Alp, 3003 Bern)

Varroa destructor, die im Jahr 1984 in der Schweiz auftauchte, ist ein unterdessen gut untersuchter Bienenparasit (siehe unsere Serie «25 Jahre Varroa in der Schweiz» im vorletzten Jahrgang der Schweizerischen Bienen-Zeitung SBZ). Diese Milbe ist sowohl den Imkern und Imkerinnen als auch den Forschern bestens bekannt. Die Varroa-Forschung konnte eindeutig zeigen, dass Varroa gefährliche Viren auf Bienen übertragen kann. Varroa ist jedoch nicht die einzige Milbenart, die Honigbienen parasitieren kann.

Varroa destructor stammt ursprünglich aus Asien. Dort hat sie einen Wirtswechsel von der Östlichen Honigbiene Apis cerana zu unserer Westlichen Honigbiene Apis mellifera vollzogen und sich danach weltweit ausgebreitet. In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet besitzt sie zahlreiche Verwandte: Varroa underwoodii, Varroa rinderii oder Varroa jacobsoni. Die Milbe Varroa jacobsoni blieb ihrem Ursprungsgebiet treu und wurde daher zu Unrecht und anstelle der Varroa destructor als diejenige Milbe beschrieben, die sich in allen Ländern dieser Welt ausgebreitet hat. Neben der Gattung Varroa existieren andere auf Bienen spezialisierte Milben mit Verbreitungsgebiet Südostasien aus der Familie der Laelapidae mit der Gattung Tropilaelaps. Auch aus dieser Gattung Tropilaelaps sind der Wissenschaft mehrere Arten bekannt.

Beschreibung und Biologie

Tropilaelapsmilben sind mit 0,9 mm Länge und 0,5 mm Breite etwas kleiner und schmaler als Varroa destructor. Sie besitzen folglich im Gegensatz zu Varroa eine eher längliche Form.
Bezüglich ihres Verhaltens und ursprünglichen Verbreitungsgebiets ist sie der Varroa recht ähnlich. Obwohl der ursprüngliche Wirt der Tropilaelapsmilbe die Riesenhonigbiene Apis dorsata ist, kann sie gleichzeitig mit der Varroa Völker der Östlichen Honigbiene Apis cerana befallen. Tropilaelaps weist ein breiteres Spektrum möglicher Wirte auf. Sie kommt auf allen in Asien heimischen Honigbienenarten vor: Apis cerana, Apis dorsata, Apis florea und Apis laboriosa.
Wie die Varroa hat auch Tropilaelaps einen Wirtswechsel vollzogen. Sie wurde sowohl alleine als auch zusammen mit Varroa in Apis mellifera-Völkern gefunden. Ihr Lebenszyklus ähnelt dem der Varroa: Sie vermehrt sich ebenfalls in der Brut und ernährt sich von Hämolymphe. Beide Milben sind Ektoparasiten der Biene. Pro Brutzelle konnten bis zu vier Tropilaelapsmilben gezählt werden. In Asien wurde von Völkerverlusten berichtet, die durch Tropilaelaps hervorgerufen wurden. Ausserdem fand die Forschung heraus, dass Tropilaelaps bei gleichzeitigem Befall mit Varroa die Überhand gewinnt. Deshalb kann man Tropilaelaps als gefährlicher oder virulenter betrachten als Varroa. Mit allen diesen Eigenschaften wäre diese Milbe folglich in der Lage, sich im Verbreitungsgebiet der Apis mellifera, also auch in gemässigten Klimazonen wie Europa, auszubreiten. Mit der Globalisierung ist es wahrscheinlich nicht ausgeschlossen, dass Tropilaelaps in Zukunft in Europa auftauchen wird. Deshalb steht Tropilaelaps in der Schweiz und in Europa auf der Liste der zu überwachenden Seuchen. Bienen­importe aus den Herkunftsregionen der Tropilaelaps sind streng reglementiert. Es wurde beobachtet, dass in Völkern, die von Tropilaelaps befallen waren, Arbeiterinnen mit deformierten Flügeln schlüpften.1 Das erinnert an die klinischen Symptome des Flügeldeformationsvirus (DWV). Ausgehend von dieser Feststellung und im Wissen, dass Varroa fähig ist, Viren zu übertragen,2,3 haben wir am ZBF untersucht, ob Tropilaelaps ebenfalls als Vektor für Bienenviren infrage kommen könnte.4

Tropilaelaps und die Viren

Weil sich auch Tropilaelaps von Haemolymphe ernährt, ist ein direkter Übertragungsweg von Viren grundsätzlich möglich. Unklar bleibt aber, ob Tropilaelaps überhaupt Träger von Viren ist und ob Viren sich in diesem Wirt vermehren können. Um diese Frage zu beantworten, haben wir in der Region Kunming in China Bienen und Tropilaelapsmilben auf die sechs wichtigsten Bienenviren hin untersucht. Nur das Flügeldeformationsvirus konnte nachgewiesen werden. Mit Hilfe der quantitativen PCR-Methode (Polymerase Kettenreaktion) konnten wir die Menge der Viren in Tropilaelaps feststellen. Die Virenlast war identisch mit jener, die bei Varroa in Europa gefunden wurde. In Anbetracht dieses Virengehalts stellten wir uns die Frage, ob das Virus in der Lage ist, sich in Tropilaelapsmilben zu vermehren. Wir konnten aufzeigen, dass die Viren sich tatsächlich aktiv in Tropilaelaps vermehren können. Also spielt Tropilaelaps genau wie Varroa als Krankheitsüberträger sowohl die Rolle eines sogenannten «mechanical vectors» (nur Überträger des Virus) wie auch «biological vectors» (das Virus kann sich im Zwischenwirt Milbe auch vermehren). Eine andere Forschungsgruppe konnte eine starke Korrelation zwischen der Anzahl der von Tropilaelaps befallenen Puppen und der in den Puppen festgestellten Viruslast nachweisen.5 Ausserdem wurde in den Tropilaelapsmilben eine sehr viel höhere Virenlast als in den Puppen gemessen.

Kontrolle und Auftreten in der Schweiz und in Europa

Die Milbe Tropilaelaps wurde bislang weder aus der Schweiz noch aus Europa gemeldet. Eine Einschleppung kann aber wahrscheinlich nicht verhindert werden. Ihr Lebenszyklus unterscheidet sich von jenem der Varroa in einem wichtigen Punkt: Sie ist nicht in der Lage, sich auf den adulten Bienen zu ernähren. Sie ist also vollumfänglich von der Brut abhängig. Deshalb würde Tropilaelaps in einem Land wie der Schweiz, in welchem die Bienen während der kalten Jahreszeit einen Brutstopp machen, den Winter nicht überleben. Des weiteren reagiert diese Milbe empfindlich auf die meisten Varroazide. Südlich der Alpen ist es jedoch möglich, dass die Bienen ohne einen Unterbruch der Eiablage durch den Winter kommen und sich Tropilae­laps somit eine Überlebensmöglichkeit bieten würde.

Schlussfolgerung

Obwohl Tropilaelaps in Europa bisher nicht auftritt, stellt sie unter dem Gesichtspunkt der Ausbreitung von Krankheiten dennoch eine reelle Gefahr dar, indem sie die Vermehrung und Übertragung von Viren ermöglicht und so die von ihr befallenen Völker gefährdet. Bei aller gegebenen Gelassenheit ist es also die Aufgabe eines jeden, aufmerksam zu bleiben und das Auftreten der Milbe unverzüglich den Behörden zu melden. Daneben ist auf jegliche Importe aussereuropäischer Bienen zu verzichten.     •

Quelle: Schweizerische Bienen-Zeitung 11/2010

1    Burgett, M.; s, P.; Morse, R. A. (1983) Tropilaelaps clareae: A parasite of honeybees in South-East Asia. Bee World 64: 25–28.
2    Dainat, B; Imdorf, A.; Charrière, J.-D.; Neumann, P. (2008) Bienenviren, Teil 1. Schweizerische
Bienen-Zeitung 131(3): 6–10.
3     Dainat, B; Imdorf, A.; Charrière, J.-D.; Neumann, P. (2008) Bienenviren, Teil 2. Schweizerische
Bienen-Zeitung 131(5): 6–9.
4     Dainat, B; Ken, T; Berthoud, H., Neumann, P. (2009) The ectoparasitic mite Tropilaelaps mercedesae (Acari, Laelapidae) as a vector of honeybee viruses. Insectes Sociaux 56:40–43.
5     Forsgren, E.; de Miranda, J. R.; Isaksson, M.; Wei, S.; Fries, I. (2009) Deformed wing virus
asso- ciated with Tropilaelaps mercedesae infesting European honey bees (Apis mellifera).
Experimental and Applied Acarology 47(2): 87–97.