Leserbriefe

Im Europa de Gaulles würde ich gerne leben

Bei der Lektüre des Artikels von Rita Müller-Hill geht einem als deutschem Bürger das Herz auf. In einem solchen von de Gaulle erdachten unabhängigen «Europa der Völker und Staaten», das aufgebaut wäre auf der Akzeptanz der Völker, das eine vermittelnde Kraft zwischen den Blöcken sein könnte und damit im Dienste des Friedens stehen würde, einem Europa, dessen Staatsvölker ihre Souveränitätsrechte nicht aus der Hand geben und die in Freundschaft und gegenseitigem Respekt verbunden leben würden, einem Eu­ropa, das sich keinem aussereuropäischen Hegemon unterwerfen würde – in einem solchen Europa würde ich gerne leben.
Als junger Mann habe ich die «eigenwilligen» Wege, die de Gaulles Frankreich dazumal im Umgang mit den Vereinigten Staaten von Amerika und der von ihnen domi­nierten Nato beschritten hat, nicht einordnen können. Heute beobachte ich mit Sorge das Entstehen eines «zentralstaatlichen» Gebildes, eines «Europa der restriktiven Überwachung» (weltonline v. 22.2.2012), das mich an das totalitäre System der ehemaligen UdSSR erinnert. Und da fordert doch unser neu gewählter Bundespräsident bei seiner ersten Auslandreise nach Polen: «Als Antwort auf die Krise ist mehr Europa und nicht weniger erforderlich.» (www.europeonline-magazine.eu)
Ich hoffe, dass der Philosoph Hermann Lübbe recht behält. Sein Beitrag für die «Frankfurter Allgemeine» vom 4.11.2011 ist überschrieben mit den Worten: «Vereinigte Staaten von Europa? Der Euro ist nicht die Krönung des Einigungsprozesses. Er hat auch als Motor versagt. Deutsche ­Politiker wollen das Einheitsprojekt nun aber erst recht forcieren. Sie werden scheitern.»

Dr. Rudolf Hänsel, Lindau/Bodensee