Was erwartet uns 2011?

Stimme aus Deutschland

von Wilhelm Dietl

Die Zeit der Hellseher, Deuter und Kaffeesatzleser ist wieder gekommen. Analysten nennen sie sich heute – dieser Beruf wird in der Welt draussen ganz lukrativ bezahlt. Nachdem dieser Vorgang letztes Jahr auch auf unserer, eher brotlosen, Grundlage erstaunlich gut geklappt hatte und ich von allen meinen Voraussagen nichts zurücknehmen musste, wollen wir es auch 2010 wieder wagen, über den Zaun zu blicken. Was erwartet uns 2011 und was könnten wir eigentlich noch zum Guten beeinflussen, weil wir es doch heute schon wissen?
Erstens: Die Deutschen. Ein Thema, das immer wieder für Erregung sorgt. Wer befasst sich nicht alles mit der Befindlichkeit des Stammes. Jede Woche stellen die Demoskopen, auch eine Abart der Hellseher, neue Fragen. Am 2. Dezember beispielsweise hat der Stern das Ergebnis der von ihm in Auftrag gegebenen Frage: «Haben Sie Angst vor Terroranschlägen in Deutschland?», veröffentlicht.
Haben wir Angst? 42 Prozent der Befragten – nicht der Deutschen überhaupt, denn das ist wie bei den Wahlergebnissen mit nur 30 Prozent Beteiligung – haben keine Angst vor den Terroristen, 44 Prozent ein bisschen. Nochmals 9 Prozent sind von grosser Angst ergriffen, und schliesslich jeder 25. läuft mit überdurchschnittlich hoher Furcht herum. 1 Prozent schliesslich überlegt noch und möchte sich eigentlich mit so etwas gar nicht belasten. Aus dieser Ecke kommen Leute, die Gegenfragen stellen. Was ist Terrorismus? – zum Beispiel.
Noch einmal: Mit solchen Gefühlen gehen die Deutschen in das neue Jahr: 86 Prozent lassen sich von der Panikmache des bislang eher unscheinbaren Innenministers nicht mitreissen. Sie haben keine oder kaum Furcht vor einem Anschlag, besuchen unbelastet Weihnachtsmärkte, fahren mit der Eisenbahn oder fliegen, wenn Eis und Schnee es zulassen. Für die absolute Mehrheit der Deutschen, also 67 Prozent, handelt die Bundesregierung in diesem Bereich angemessen. 18 Prozent hält die Reaktion auf Ungeschehenes für übertrieben. Nur ein Zehntel glaubt, dass die in Berlin auf diesem Gebiet zuwenig tun.
Anderes Beispiel. Die Deutschen haben traditionell Angst um ihren Arbeitsplatz und um ihren Besitzstand. Das hat sich im November ein bisschen geändert und strahlt mit einem lange nicht gekannten Optimismus in das kommende Jahr hinein. Da die Wirtschaft wieder wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt und die Regierenden nach langer Zeit das Wort Vollbeschäftigung in den Mund nehmen, fürchtet nur noch jeder dritte Deutsche, ganz plötzlich ohne Arbeit auf der Strasse zu stehen.
Im August glaubten noch 44 Prozent an drohende Arbeitslosigkeit. Zwei Drittel der Deutschen trieb im November die Sorge um, die Staatsschulden könnten unkontrollierbar steigen. Das waren immerhin 5 Prozent weniger als im August. Ähnliches Verhalten bei der Frage, ob die Renten sicher sind. 57 Prozent bezweifeln es, 3 Prozent weniger als im Sommer. Was ängstigt uns noch? Dass die Kinder keine vernünftige Ausbildung bekommen, Opfer von Kriminellen zu werden, von Naturkatastrophen, und dass die deutschen Politiker überfordert sind.
Kaum zu glauben – es gibt eine deutsche Angst-Studie. Sie wird regelmässig von der Wiesbadener R + V Versicherung herausgegeben und gibt beängstigende Einblicke in die Tabuthemen der Deutschen. Wer die Untersuchung aufmerksam gelesen hat, der weiss ganz gewiss, dass wir ein ängstliches Volk sind. Die Mehrheit der Zaghaften lebt in Sachsen-Anhalt. 63 Prozent zittern vor der Zukunft. So angespannt waren sie zuletzt, als die sogenannte New Economy platzte und massenhaft Volksvermögen vernichtete.
Bleiben wir bei 2011. Die meisten Deutschen, am wenigsten übrigens die Bayern und die Berliner, schleppen ihre Panik vor Seuchen wie Vogelgrippe oder BSE und vor den Risiken der Atomkraft über die Datumsgrenze in das neue Jahr. Dem hält der aktuelle Artikel einer Internetseite namens news.de entgegen, dass die «German Angst», ein abschätziger Begriff aus angelsächsischen Ländern, eigentlich unbegründet ist.
Der Risikoforscher Klaus Heilmann wird zitiert. «Ob die Wirtschaftslage sich verschlechtert – das kann der Bürger nur in den seltensten Fällen beeinflussen. Und obwohl die Todesrate bei einer Flugreise verschwindend gering ist – nicht einmal jeder dreimillionste Fluggast stirbt –, leiden 38 Prozent der Deutschen an Aviophobie.»
Die Deutschen verfallen zunehmend dem Irrglauben, dass sie durch ihr eigenes Verhalten Lebensrisiken verringern könnten. Risiko­forscher Heilmann behauptet, dass der gefährlichste Teil einer Flugreise der Weg zum Flughafen ist, nicht der Flug selbst. Das sehen die Deutschen anders, weil 85 Prozent von ihnen ihre Fahrkünste als überdurchschnittlich hoch einstufen. Trotzdem sterben täglich im Schnitt 11 Menschen auf Deutschlands Strassen.
Dann existiert da noch die Langzeitstudie «Deutsche Zustände», herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Der renommierte Forscher Heitmeyer stellt fest, dass das soziale Klima des Landes immer kälter wird. Deutsche lehnen mehrheitlich Fremde ab, vor allem wenn sie nicht als Leistungsträger dieser Gesellschaft gelten. Die Autoren des Dokuments stellen fest, dass vor allem bei Besserverdienern die aggressive Stimmung gegen Urlauber, Langzeitarbeitslose und Obdachlose zugenommen hat. Heitmeyer führt dies auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. Immer mehr Besserverdiener haben den Eindruck, dass sie ungenügend bezahlt werden.
Zurück zur Politik. Ein ganz klarer Trend für 2011 ist die Zunahme der sogenannten «Wutbürger». Der Prototyp hat Schluss gemacht mit dem traditionellen Volksvertreter. Er wählt ihn ganz einfach nicht mehr, bekämpft Entscheidungen der Politrunden vom Gemeinderat bis zum Deutschen Bundestag, akzeptiert vor allem das nicht, wonach ihn vorab keiner gefragt hat. Der «Wutbürger» fühlt sich zweitklassig, übergangen, nicht geachtet. Die Herrschaft der Experten und der Bürokraten ist für ihn nicht mehr akzeptabel. Deshalb geht er auf die Strasse und bezieht Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes intensiv auf sich selbst. Darin steht: Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus. Das artikulieren die «Wutbürger» mehr oder weniger plastisch im Stuttgarter Schlossgarten, in Gorleben, an neuen Start- und Landebahnen, vor Reichstag und Kanzleramt, AKW und Sicherheitskonferenz.
Im Spiegel war dazu mit einem Schuss ­Politologen-Sprech von einer «manifesten Entfremdung zwischen der politischen Klasse und der Bevölkerung» die Rede. Weiter im Zitat: «Noch scheuen die Experten vor der harten Diagnose zurück, wonach die Politik der nützlichen Entpolitisierung des Volks vor dem Scheitern steht.» Mit anderen Worten: Immer mehr unzufriedene Bürger begehren auf, sehen sich Grossaufgeboten an Uniformierten gegenüber und schwenken ab in das Lager der Politverdrossenen.
Hat es das nicht immer gegeben, also jedenfalls seit 68? Diese Konfrontation von Schlagstöcken und Wasserwerfern auf der einen Seite und dem «Wutbürger» auf der anderen Seite? Und doch ist es heute, und ganz sicher auch im Jahr 2011, anders. Noch nie kamen so viele aus der Mitte der Gesellschaft, aus der bislang schweigenden Mehrheit – und noch nie können so wenige einfach kriminalisiert werden.
Kurzum: Die «Dagegen-Republik» (eine Spiegel-Kreation) sperrt sich gegen die Elbvertiefung bei Cuxhaven, gegen das Kohlekraftwerk Datteln 4, den Moscheebau von Mönchengladbach, die Brücke im Moseltal bei Ürzig, die Brücke über den Fehmarnbelt bei Puttgarden, die Hamburger Elbphilharmonie, die Flugschneisen beim Grossprojekt Hauptstadt-Flughafen Berlin-Brandenburg, gegen den Ausbau der Stadtautobahn 100, die ICE-Trasse von Hamburg nach Bremen und die Olympischen Winterspiele von Garmisch-Partenkirchen.
Da muss nicht zwingend Krieg in den Städten ausbrechen. Breitflächiger ziviler Ungehorsam reicht, um eine andere Republik entstehen zu lassen. Wenn es übrigens um reine Ideologie geht, um Ausländer und Integration, dann lässt Thilo Sarrazin grüssen. Andere Themen haben zumeist noch keinen Chefideologen gefunden. Rechtsextreme sind dafür gottseidank zu dumpf, und die Linken besitzen keine Breitenwirkung. Aber auch mit Westerwelle und Konsorten ist zunehmend weniger Gemeinsamkeit möglich.
Die Zeit bleibt spannend, das Jahr 2011 mit zahlreichen Landtagswahlen (auch in Berlin) – und den dazu geladenen 17 Millionen Wählern – sicherlich voller Überraschungen. Wie hat Hans-Ulrich Jörges, der Vordenker des Sterns vor vier Wochen geschrieben? «Zwischen Volk und Politik zerreissen die Fäden. Ein mulmiges Gefühl stellt sich ein: Scheitert die Demokratie?»
Ein Reizthema von 2010 wird die Deutschen noch mehr reizen im Jahr 2011 – der Krieg in Afghanistan. Ihr habt das richtig gehört, der Krieg in Afghanistan. Am vergangenen Wochenende hat sich die Kanzlerin beim Besuch im Feldlager Kundus mit neuen, naiven Sätzen tief in die Geschichtsbücher eingegraben. Ich zitiere: «Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie [die Soldaten der Bundeswehr] sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat. Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung. Wir haben das sonst von unseren Eltern gehört im Zweiten Weltkrieg.» Warum erinnert das so stark an Satire?

Was geschieht in Afghanistan?

Ich habe mit anderen zusammen im vergangenen und in diesem Jahr Afghanistan-Seminare organisiert und durchgeführt. Dabei bekam ich die Gelegenheit, stundenlang den Argumenten der Bundeswehr zu lauschen. Seither weiss ich auch, was uns so richtig keiner erklärt hat. Unter Krieg versteht man, wenn beide Seiten sich den Krieg erklären und dann mit Kampfhandlungen beginnen. Auf den Fehdehandschuh kommt es also auch 2011 noch an. Dem liegt ein zutiefst bürokratisches Denken zugrunde. Und es erinnert mich an Donald Rumsfelds berühmte Bemerkung, der Gegner trage ja nicht einmal eine Uniform.
Wer so denkt, kann keine der asymmetrischen Auseinandersetzungen unserer heutigen Zeit gewinnen, der sehnt sich nach einem Schlachtfeld, wo die Heere geordnet aufeinander zumarschieren. Wenn der Gegner in der Dunkelheit zuschlägt, dann ist er ein Terrorist, wenn er Selbstmordattentäter schickt, dann hat er keinen Anspruch auf Kriegsgefangenen-Status.
4700 Deutsche kämpfen am Hindukusch gegen Menschen, die für uns nie wirklich eine Gefahr darstellten, und nie war unsere Sieges­chance so gering. Darüber kann auch eine hochaktuelle Bestandsaufnahme der ­Politik mit dem zynischen Namen «Fortschrittsbericht» nicht hinwegtäuschen. Tatsache ist, dass die USA im Juli 2011 ihren Rückzug einleiten werden. Mitte 2011 will die Isaf erste Provinzen in afghanische Verantwortung übergeben. Die nationalen Kontingente aus den Ländern Kanada, Polen, Grossbritannien und Holland sind längst zu Hause oder im Aufbruch. Wir werden uns, wie so oft, der Mehrheits-Tendenz anschliessen und wollen Ende 2014 das Land verlassen haben. Westliche Soldaten sollen dann nur noch zu Ausbildungszwecken bleiben.
Und am Ende – ausser Spesen nichts gewesen. Allein die Amerikaner haben für den Krieg in Afghanistan bereits 377 Milliarden Dollar ausgegeben. Würden sie ein weiteres Jahrzehnt bleiben, dann müssten sie nach Pentagon-Berechnungen weitere 889 Milliarden investieren. Eine unvorstellbare Summe, die im eigenen Land und in jedem Sektor fehlt.
Die Islamisten können sich angesichts der klar umrissenen Rückzugsstrategie des Westens zurücklehnen und auf das nahe 2014 warten. Danach gehört ihnen das Land wieder. Hamid Karzai verhandelt bereits intensiv über die Regierungs-Beteiligung seiner Todfeinde. Er hat keine Wahl, weil auch nach beinahe 10 Jahren Krieg nur 9 von 300 afghanischen Regierungsbezirken als befriedet gelten. Die Aufständischen – ob sie nun Taliban oder anders heissen – dominieren bereits zu Beginn des Jahres 2011 mehr als 70 Prozent des Landes.
Wer könnte sonst noch Krieg führen wollen? Der Irak wird sich auch 2011 nicht stabilisieren. Im Gegenteil. Der Abzug der erfolglosen US-Truppen schafft neue Fronten und neue Machtkämpfe. Dasselbe gilt im übertragenen Sinn für Iran. Ich glaube nicht, dass die Mullahs 2011 die Atombombe endmontieren können oder wollen. Sie werden mit dem Westen weiterhin Katz und Maus spielen und die Provokationsschwelle bis zum Anschlag nutzen. Der heimliche Krieg mit Iran hat längst begonnen. Zu seinen sichtbaren Anzeichen zählen verschwundene und ermordete Atomwissenschaftler, übergelaufene hohe Offiziere und Techniker, blutige Anschläge.
Ein heisser Tipp: Mohsen Fakhrizadeh, Professor für Nuklearphysik in Teheran und eine Schlüsselfigur des Rüstungsprojekts, soll das nächste Anschlagsziel sein. Die Iraner wissen es bereits und passen auf ihn besonders gut auf. In einem Jahr werden wir wissen, welche Seite erfolgreich war.
Richtig ernst scheint es dagegen in Ost­asien zu sein. Seit 60 Jahren stehen sich hass­erfüllt Nord- und Südkoreaner gegenüber. Ihre Schutzmächte heissen China und die USA. Nun häufen sich wieder die ernsten Zwischenfälle, laufen Manöver, die Nord­korea provozieren sollen. Ein Pulverfass erster Qualität.
Im Januar soll wieder einmal ein alter Krisenherd begradigt werden und in einen neuen, unabhängigen Staat münden. Nummer 193 auf der nach oben hin offenen Skala der UN – der Südsudan. Kenner sind ziemlich skeptisch.

Was erwartet uns darüber hinaus im neuen Jahr?

Die Wirtschaft dürfte sich weiter erholen. Einfacher wird allerdings gar nichts. Nach den Griechen sind die Iren abgestürzt, jetzt stehen Ungarn, Spanier und Portugiesen am Krater. Die Osteuropäer zittern und versuchen Abstand zu halten zu den maroden Alt-Mitgliedern der EU. In der Neuordnung des Arbeitsmarktes am 1. Mai 2011 sehen sie ihre nächste, grosse Chance.
2011 wird die Rettung des Euro das beherrschende Gemeinschaftsthema sein. Sollte es gelingen, dann sicher nur durch den weiteren Abbau von Souveränitätsrechten einzelner Mitglieder und mit hohen Kosten. Auch das zählt zu den vorrangigen Ängsten der Deutschen, dass wir für die Schuldenberge der anderen aufkommen müssen. Auf alle Fälle schafft der Euro ein Zwei-Klassen-Europa mit einem leidlich stabilen Zentrum und einer schwachen Peripherie.
Ein Kommentar des «Handelsblatts» klingt mehr als erschreckend. Zitat: «So dürfte ein Ende des Euro dem ohnehin angeschlagenen Bankensystem den Todesstoss versetzen – weil es in den Ländern, die aussteigen, wahrscheinlich zu einem Run auf die Banken käme […] Die Menschen würden versuchen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen – um zu verhindern, dass ihre Ersparnisse in die neue Währung umgetauscht werden, die dann an den Devisenmärkten abwertet. Zudem dürfte ein Ende des Euro eine Kaskade von Staatsbankrotten provozieren …» Horror.
Wie sieht es bei jenen aus, die eine andere Währung haben? Die USA bereiten sich für 2011 auf eine absolute Nullrunde vor. Wegen des Erfolgs der Republikaner bei den Novemberwahlen werden sich die beiden führenden politischen Kräfte des Landes auf Dauer gegenseitig blockieren. Obama hat auf Grund seiner gigantischen Staatsverschuldung – 14 Billionen Dollar, entsprechend 95 Prozent des Bruttosozialprodukts – keinerlei Spielraum mehr. Seine Chancen, 2012 wiedergewählt zu werden, schwinden.
Unaufhaltsam gewinnen die asiatischen Führungsmächte an Boden. 2011 wird China die USA als weltweit grössten Warenproduzenten ablösen, und der Wettlauf zwischen China und Indien hat längst begonnen.
Vor zwölf Jahren wurde der rechnerisch sechsmilliardste Mensch geboren, ein Junge in Sarajevo. Ende 2011 erwartet man den Sprung der Weltbevölkerung auf die siebte Milliarde. Eine neue Diskussion über die ungeliebten Themen Bevölkerungsexplosion und Klimawandel wird damit sicherlich verbunden sein.

Wo bleibt nun endlich das Positive?

Am 9. Mai 2011 werden wir wieder einmal gezählt. Der 710 Millionen Euro kostende Zensus 2011 soll so leise laufen, dass ihn viele gar nicht bemerken werden. Nur 7,9 Millionen zufällig ausgewählte Bürger sollen Fragen beantworten. Das Ergebnis lässt Hochrechnungen auf die Gesamtbevölkerung zu.
Am Ende soll auch die aktuelle Höhe der Gesamtbevölkerung feststehen. Fachleute befürchten, dass sie möglicherweise um 1,3 Millionen Menschen schrumpfen wird, unter ihnen eine ½ Million Ausländer, die es bereits nicht mehr gibt (oder nie gegeben hat). Sollte die Volkszählung ergeben, dass Hessen keine 6 Millionen Einwohner mehr hat, dann wird das Land einen Sitz im Bundesrat verlieren.
Köln könnte den Status der Millionenstadt verlieren, Hannover unter 500 000 Einwohner rutschen. Das kostet Fördergelder und würde in letzter Konsequenz sogar die Gehälter der Oberbürgermeister mindern.
Gut, also etwas Positives: Gorbatschow wird im März 80 Jahre alt, Obama 2011 seinen Fünfzigsten feiern. Im Juli vor 100 Jahren pilgerten die Opernfreunde erstmals zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth. In Leipzig beginnt am 17. Mai das Mahler-­Festival zum 100. Todestag des österreichischen Komponisten. Ab 26. Juni findet in Deutschland die für drei Wochen angesetzte Fussball-WM der Frauen statt.
Vor exakt 25 Jahren blickte die Welt im ukrainischen Tschernobyl erstmals in den zivilen nuklearen Abgrund. Ein Jahrestag mit Mahnungspotential.
Wer wird 2011 besonders prominent im Rampenlicht stehen? Die Zeitungen verbreiten jetzt schon ihren Nachschub an neuen Namen: Mario Götze zum Beispiel, ein kommender Star bei Borussia Dortmund. Eine gewisse Kate Middleton wird am 29. April 2011 ihren Freund William, geborenen Windsor, heiraten, und dann als Prinzessin Catherine weiterleben. Wenn nichts dazwischenkommt.
Viel weniger als über Princess Catherine weiss die Welt über Xi Jinping. Am 18. Oktober wurde er zu einem der Stellvertreter der Zentralen Militärkommission der Kommunistischen Partei Chinas ernannt. Das ist gemeinhin der gerade Weg an die Spitze. Der 57jährige soll 2011 stärkster Mann des bald stärksten Landes der Erde werden.
Stuttgart 21 dürfte Baden-Württemberg auch politisch umgraben. Am 27. März öffnen sich für alle Bürger die Wahllokale. Die Grünen gelten als Hoffnungsträger, ihr Fraktionschef Winfried Kretschmann als möglicher neuer Ministerpräsident. Es würde die schwarz-gelbe Berliner Koalition spürbar schwächen.
Was interessiert den simplen Bürger? Urlaub und Einkommen. Letzteres hängt von der Wirtschaftsentwicklung ab. Da will ich mich bekanntlich nicht unverrückbar festlegen. Während der Urlaub 2010 Arbeitnehmer-feindlich galt – zum Beispiel das Weihnachts-Wochenende – sieht es 2011 ziemlich anders aus. Mit 14 Tagen Urlaub, haben die Profis errechnet, lassen sich ganze sechs Wochen Ferien rausholen. Dabei existiert wieder einmal ein Nord­–Süd-Gefälle. Bayern, Baden-Württemberger und Sachsen holen für sich die meisten freien Tage heraus.
Aber genau gesehen, betrifft uns das ja alle nicht.    •

Wilhelm Dietl
Deutscher Autor, der sich seit Jahrzehnten mit den Themenbereichen Geheimdienste, Nahost und Terrorismus beschäftigt und dazu unter anderem 17 Bücher verfasst hat.