Soll man die Vögel im Winter füttern?

Das Herz meint ja, der Kopf sagt nein

von Heini Hofmann

Wenn’s draussen kalt ist und die armen Tierlein frieren, dann muss man ihnen doch helfen – lautet die gängige Meinung. Die Natur jedoch kennt ihre eigenen, harten, aber sinnvollen Gesetze, die wir oft nur schwerlich durchschauen. Sie lassen sich nicht mit dem Herzen verstehen, man muss sie mit dem Verstand begreifen.

Selbst Natur- und Vogelfreunde vertreten gelegentlich gegensätzliche Auffassungen; denn es ist verständlich, dass man in solchen Momenten lieber gefühlsmässig entscheidet. Und trotzdem sollte man sich, im Interesse der Tiere selbst, um eine objektive Betrachtungsweise bemühen.

Herz kontra Verstand

Die Sterblichkeit freilebender Vögel wird durch das Nahrungsangebot reguliert. Das ist ein wichtiger Faktor in der Populations­dynamik, das heisst der Bestandesentwicklung. Die Natur hat dabei klug vorgesorgt: Arten, die in unseren Breitengraden im Winter nicht genügend Nahrung finden, weichen als Zugvögel südwärts aus. Bei uns bleiben jene, die für das Leben unter harten Bedingungen ausgerüstet sind.
Doch von diesen überleben nicht alle. Je härter der Winter, desto grösser die Sterblichkeit. Aber auch die Zugvögel verzeichnen Verluste, und beileibe nicht nur wegen der Vogelfänger in einigen Mittelmeerländern. Die weite, beschwerliche Reise über Alpen, Meer und Wüsten fordert ihren Tribut, und vielleicht herrscht im Winterquartier infolge Trockenheit ebenfalls Nahrungsmangel.

Leben und sterben

Die Kreisläufe der Natur sind grossartig, ihre Gesetzmässigkeiten jedoch unerbittlich. Selbst unter normalen Bedingungen ist die Selektion enorm; so erleben zum Beispiel von allen flügge gewordenen Singvögeln nur etwa 30 Prozent die nächste Brutzeit. Und dennoch können die Übriggebliebenen das Fortbestehen der Art sicherstellen.
Herrschen ausnahmsweise extrem ungünstige Umweltbedingungen, was naturgemäss nicht regelmässig vorkommt, so kann dies eine Art wohl vorübergehend dezimieren; doch davon kann sie sich rasch erholen. Nur andauernd veränderte Umweltbedingungen vermöchten eine Art im Extremfall zum Aussterben zu bringen, was jedoch auf den Durchschnitt aller Winter nicht zutrifft.

Das Fragwürdige am Füttern

Wenn wir also im Winter die Vögel füttern, dann greifen wir in einen äusserst komplexen Naturvorgang ein. Füttern wir viel, dann schaffen wir unnatürliche Verhältnisse, sozusagen haustierartige Bedingungen für freilebende Tiere, eine Art Geflügelmast am Futterbrett. Das wirkt sich für diese auf die Dauer nachteilig aus.
Während kurzen, selbst sehr kalten Winterperioden droht den Vögeln noch keine Gefahr. Nur bei lang andauernden und schneereichen Perioden können Vogelbestände dezimiert werden. Doch auch dies vermöchte sich nur bei seltenen Vogelarten extrem auszuwirken – und diese findet man ohnehin nicht am Futterbrett. Rein biologisch gesehen ist der Wert der Winterfütterung der Vögel also höchst fragwürdig.

Biotopschutz ist wichtiger

Oft wird argumentiert, man müsse die Vögel im Winter deshalb füttern, weil fortwährend natürliche Nahrungsquellen verschwinden: Hecken werden gerodet, brachliegende Unkrautfelder und andere als winterliche Futtergrundlage wichtige Biotope müssen weichen. Doch diese wegfallenden Futterquellen können nicht mit Füttern wettgemacht werden.
Will man echten Vogelschutz betreiben, der sich nicht auf die Rettung weniger Einzeltiere, sondern auf die Erhaltung ganzer Arten ausrichtet, dann muss man das Übel an der Wurzel anpacken und sich für die Erhaltung solcher Mangelbiotope einsetzen. Dies jedoch bedingt wesentlich mehr Aufwand und Einsatz als das Ausstreuen von Futter. Es erfordert ein Umdenken: Nicht nur das einzelne, vom Tode gezeichnete Vögelchen sollte unsere Gefühle in Wallung versetzen, sondern vielmehr der Bagger, der ein ganzes Riedgebiet zerstört.
Ein solcher Eingriff ins Gleichgewicht der Natur ist ungleich schwerwiegender als der Tod eines Einzelindividuums, so sehr dies einen bewegen mag. Ergo: In Biotopschutz eingesetztes Geld (und das kann im Kleinen bereits im eigenen Naturgarten geschehen) ist effizienter angelegt als solches für Vogelfutter (wofür die Nation in einem strengen Winter etliche Millionen ausgibt).

Das Positive am Füttern

Trotzdem fühlt sich der mitfühlende Mensch wider besseres Wissen verpflichtet zu füttern, wenn die Unbill des Winters am grössten ist. Korrekterweise muss man dazu bemerken, dass das Füttern auch seine positiven Seiten hat, vielleicht weniger für die Vögel als vielmehr für die Menschen selbst.
Gerade für die Jugend bietet das geschäftige Treiben am Futterbrett die beste Gelegenheit, sich in Artenkenntnis zu üben. Das Füttern der Vögel im Winter ermöglicht den Kontakt zur einheimischen Vogelwelt und schafft damit die Voraussetzung zu grösserem Verständnis für die Bedürfnisse der Gefiederten schlechthin; denn wer ein Vogelschützer werden will, der muss zuerst ein Vogelkenner sein!
Auch für viele einsame, alte und kranke Menschen sind die Vögelchen am Futterbrett oft die einzige freudige Abwechslung an langen grauen Wintertagen. Hier erfüllen die durchs Füttern angezogenen Vögel – etwas überspitzt ausgedrückt – sogar eine sozialmedizinische Aufgabe, oder einfacher gesagt: Sie vermitteln Freude, und diese wirkt gesundheitsfördernd.

Mit Mass und Vernunft

Die Winterfütterung der Vögel hat also zwei ganz verschiedene Aspekte, einen ethisch-erzieherischen und einen realistisch-biologischen. Was nach Ansicht des Menschen edel, hilfreich und gut ist, ist im Sinne der Natur nicht zwingend logisch und klug. Wer an kalten Wintertagen aus Liebe zur wehrlosen Kreatur Vögel füttert, der handelt sicher edel. Aber er muss sich bewusst sein, dass sein Tun einen Tropfen auf den heissen Stein bedeutet, wenn nicht gar Flickwerk an den Gesetzen der Natur.
Wenn wir trotzdem dem Herzen statt dem Verstand folgen und die Vögel füttern, dann sollten wir das wenigstens mit Mass und Vernunft tun und uns an die wichtigsten Grundregeln (vgl. Kasten) halten.    •

Wenn Winterfütterung, dann richtig!

Die Schweizerische Vogelwarte empfiehlt:
•    Nur bei geschlossener Schneedecke, bei Vereisung und Dauerfrost.
•    Massvoll und regelmässig; kein gesalzenes oder verschimmeltes Futter.
•    Nur am Vormittag oder besser bei Tagesanbruch, nicht mehr ab Mittag (so können die Vögel morgens sofort Reserven tanken, um dann am Nachmittag den natürlichen Futterquellen nachzugehen, die immer in gewissem Masse vorhanden sind).
•    Futter vor Nässe, Verkotung und vor Katzen schützen durch geeignete Futterhaus-Konstruktion.
•    Das Anbieten von Trinkwasser ist überflüssig, da die Vögel in Form von Schnee, Reif oder Eis stets genügend Wasser zur Verfügung haben. (HH.)

Was soll gefüttert werden?

Körnerfresser (dicker, kräftiger Schnabel):
•    Freiland-Futtermischungen mit Hanf- und Sonnenblumenkernen (grosser Ölgehalt) als Hauptbestandteil.
•    Getreidesamen (allerdings nicht sehr beliebt) und das nachstehend für Insektenfresser empfohlene Futter.
•    Weniger zu empfehlen ist Hirse, ein Ackerunkraut, das die Vögel verschleppen können.
Insektenfresser (schlanker, spitzer Schnabel):
•    Haferflocken, Brosamen; Beeren und Obst (auch faules!)
•    Nüsse (Pinienkerne, Baum- und Haselnüsse zerhackt)
•    Fett und Quark; Hackfleisch. (HH.)

 

Spezialfälle der Winterfütterung

Zugvögel
Heimkehrende Zugvögel können von extrem späten Schneefällen (Ende März/Anfang April) überrascht werden. Die meisten jedoch gehören zu den Insektenfressern und kommen kaum ans Futterbrett; ihnen kann man nur helfen mit:
•    Abdecken von Miststöcken und Auslegen von Mist.
•    Bewässern von Wiesen (nur sinnvoll, wenn es nicht zu kalt ist).
•    Entfernen von Schnee unter Bäumen, Hecken und an Waldrändern.
Greifvögel
Sie sollten nur bei lang dauernden, extremen Verhältnissen gefüttert werden, was zudem einige Sachkenntnis erfordert und deshalb am besten fachkundigen Ornithologen überlassen wird. (HH.)