Die wachsende ökonomische Ungleichheit in den USA zerstört die Grundlagen der Gesellschaft: Fairness und Gemeinsinn

von Joseph Stiglitz

Es hat keinen Sinn, das Offensichtliche zu bestreiten. Ein Prozent der Amerikaner bezieht heute fast ein Viertel des gesamten nationalen Einkommens. Bei Rücklagen und Guthaben steht die Upper Class sogar noch besser da, darf sie doch 40 Prozent dieser Mittel ihr eigen nennen. Die wenigen haben enorme Zugewinne gemacht. Vor 25 Jahren belief sich ihr Anteil in den genannten Kategorien auf 12 bzw. 33 Prozent.
Wer deshalb das Genie und den Unternehmungsgeist der Bereicherten preist und beteuert, dass mit steigender Flut irgendwann alle Boote angehoben würden, befindet sich jedoch im Irrtum. Zwar stieg das Einkommen von einem Prozent der Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt um 18 Prozent – doch das des Mittelstands ist währenddessen gesunken. Vor allem Männer, die nur einen High-School-, aber keinen Universitätsabschluss haben, verdienen immer weniger; ihr Einkommen sank in den zurückliegenden 25 Jahren um 12 Prozent.
Während sich viele ehemalige Hochburgen der Ungleichheit in Lateinamerika, etwa Brasilien, seit einigen Jahren erfolgreich darum bemühen, die Not der Armen zu mildern und Einkommensunterschiede zu nivellieren, nehmen wir hierzulande wachsende Ungleichheit in Kauf.
Manche zucken angesichts solcher Einkommensungerechtigkeit die Achseln. Worauf es ankomme, sei nicht, wie der Kuchen verteilt werde, sondern dass er insgesamt immer grösser werde. Doch diese Behauptung ist grundfalsch. Erstens zieht wachsende Ungleichheit unvermeidlich die Chancengleichheit in Mitleidenschaft. Das Schwinden der Chancengleichheit jedoch bedeutet einen verschwenderischen Umgang mit einer unserer wichtigsten Ressourcen – den Menschen. Zweitens mindern die Marktstörungen, die zu Ungleichheit führen – Monopole eben – sowie die steuerliche Begünstigung bestimmter Interessengruppen die Effizienz unserer Wirtschaft. Drittens, der vielleicht wichtigste Punkt: Eine moderne Ökonomie bedarf «kollektiver Massnahmen», sie ist auf staatliche Investitionen in die Infrastruktur, in Bildung und Forschung angewiesen. In den USA jedoch investieren wir seit langem viel zu wenig in die Infrastruktur, die Grundlagenforschung und die Bildung. Und weitere Einschnitte in diesen Bereichen stehen bevor.
Alle genannten Entwicklungen stellen sich zwangsläufig ein, wenn der Wohlstand in einer Gesellschaft einseitig verteilt wird. Je mehr die Schere beim Einkommen auseinandergeht, desto weniger Lust verspüren die Wohlhabenden, ihr Geld für soziale Zwecke auszugeben. Die Reichen sind nicht auf den Staat angewiesen, wenn sie sich weiterbilden möchten, wenn sie einen Arzt brauchen oder für ihre Sicherheit sorgen wollen – sie können sich all das selbst kaufen. Infolgedessen wächst ihre Distanz zu den «einfachen Menschen», und sie verlieren allmählich jedes Mitgefühl, das sie vielleicht einmal empfanden. Zudem haben sie Bedenken gegen eine Stärkung des Staates – der seine Macht schliesslich nutzen könnte, um die Dinge geradezurücken, indem er ihnen einen Teil ihres Reichtums nimmt und in soziale Belange investiert.
Von allen Verlusten, die das obere Prozent dem Rest der amerikanischen Gesellschaft aufzwingt, ist dies vielleicht der bedeutendste: die Erosion unserer Identität, für die Fairness, Chancengleichheit und Gemeinsinn so wichtig sind. Lange Zeit haben sich die Amerikaner der Fairness ihrer Gesellschaft gerühmt, in der jedermann die Chance auf Erfolg habe, doch inzwischen sagen die Statistiken etwas anderes: Amerikaner aus der Unterschicht und selbst der Mittelklasse haben schlechtere Aussichten, es ganz nach oben zu schaffen, als die Bürger vieler europäischer Länder.
Da es nun einmal so ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit in den USA etwa 20 Prozent beträgt (und an manchen Orten sowie in bestimmten Bevölkerungsgruppen doppelt so hoch ist), dass jeder sechste Amerikaner, der eine Vollzeitstelle sucht, keine findet und dass bereits jeder siebte Amerikaner Essensmarken bezieht, müssen wir davon ausgehen, dass das «Hinabsickern» des Wohlstands der oberen Zehntausend offenbar von irgend etwas aufgehalten wurde.
Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dies zu wachsender Entfremdung führen wird. Schon bei den Präsidentschaftswahlen 2008 übten lediglich 21 Prozent der 20- bis 29jährigen ihr Wahlrecht aus, was in etwa der Arbeitslosenrate in dieser Altersgruppe entspricht. Wir haben gerade erst erlebt, dass Millionen Menschen auf die Strasse gegangen sind, um gegen die erdrückenden politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in ihren Gesellschaften zu protestieren. Die Regime in Ägypten und Tunesien wurden gestürzt. Die Herrscherfamilien benachbarter Länder spähen unruhig aus den Fenstern ihrer vollklimatisierten Penthäuser – werden sie die nächsten sein?
Angesichts dieser Ereignisse müssen wir uns die Frage stellen, wann das Volk in den USA auf die Strasse gehen wird. Die Verhältnisse in unserem Land gleichen denen in jenen fernen, von Aufständen erschütterten Orten in mehr als einer Hinsicht. Die oberen Zehntausend unserer Gesellschaft besitzen die schönsten Häuser, Zugang zu den besten Bildungseinrichtungen und zu den Top-Kliniken, sie führen das bestmögliche Leben, doch es gibt etwas, das sie mit Geld offenbar nicht kaufen konnten: die Einsicht, dass ihr Schicksal untrennbar an das der übrigen 99 Prozent geknüpft ist. In der Geschichte der Menschheit haben die Führungsschichten diese Tatsache am Ende immer eingesehen. Allerdings zu spät.    •

Der Text gibt Auszüge aus dem kürzlich erschienenen Buch des Autors, «Occupy!», wieder. 2012, ISBN 978-3-518-06221-0.
Erstveröffentlichung in: Focus, Nr. 49, 5.12.2011