Leserbriefe

 

Zum Aufruf von 113 Parlamentariern zum Bettag

Gedanken eines säkularen Nichtparlamentariers

Zeit-Fragen hat letzte Woche an prominenter Stelle den Bettagsaufruf von 113 Parlamentariern zum Thema Dankbarkeit und Genügsamkeit abgedruckt. Als säkularer Nichtparlamentarier hätte ich spontan, überzeugt und ohne Berührungsängste diesen Aufruf unterschrieben, auch wenn er aus religiöser Sicht formuliert ist. Weshalb?
Kurz gesagt: Dankbarkeit und Genügsamkeit sind in heutiger Zeit zentrale Gegenentwürfe zur verheerenden Globalisierung mit ihrer Gier, dem gewissenlosen Profitdenken und dem schrankenlosen Machtstreben.
Wozu rufen unsere Parlamentarier auf?
Zuerst «zum Bewusstsein, dass es in unserem Land ein ständiges Suchen nach Ausgewogenheit unter den zahlreichen sprachlichen, politischen und religiösen Minderheiten braucht». Schon alleine dazu braucht es unser aller Genügsamkeit in Form von Grossmütigkeit, Zurückhaltung, Sorgfalt und das Wissen, dass gerade diese Ausgewogenheit der Schweiz seit bald zwei Jahrhunderten Frieden und Prosperität beschert hat.
«Für diese Freiheit dankbar zu sein», heisst doch nichts anderes als sich der geschichtlichen Entwicklung und Leistung unserer Vorfahren bewusst zu sein. Wir laufen heute Gefahr, in unserer satten Genügsamkeit – die aber nichts anderes als bequeme Interesse­losigkeit und mangelndes geschichtliches Wissen widerspiegelt – unseren Lebensstandard, die ganzen Errungenschaften zivilisatorischer Entwicklung als selbstverständlich hinzunehmen. Selten fragen wir uns, woher sie kommen, unter welchen Entbehrungen und Bedingungen sie geschaffen worden sind.
«Zu beten für Weisheit und gerechtes Handeln für all jene, die Verantwortung tragen in Staat, Wirtschaft, Kirchen und der Zivilgesellschaft» – diesen Teil des Aufrufes würde ich persönlich gerne ergänzen mit der ernsthaften Bitte und dem kompromisslosen Hinweis auf die Aufgaben, die uns die Verfassung auferlegt und auf die jeder Politiker geschworen hat. Unsere Verfassung ist Vorbild für jeden in unserer Gesellschaft.
«Dass wir uns der Benachteiligten und Schwachen in der Schweiz und in der Welt annehmen» – dies wäre wohl die adäquate Antwort auf unsere Neutralität, und zwar in Form von Mediationsangeboten wie damals in Evian, wo mit Hilfe der Schweiz 1964 der mörderische Algerien-Krieg beendet werden konnte. Auch ein Ausstieg aus der PfP (Partnership for peace), einer Partnerorganisation der Nato, wäre angebracht, dient die Nato doch nur imperialer Machtgier.
Kurz gesagt, sind Dankbarkeit und Genügsamkeit nicht nur christliche Werte, sie finden sich in vielen Religionen. Indigene Völker weltweit leben uns diese Werte heute noch in eindrücklicher Weise vor. Also Gründe genug, diesen berührenden Aufruf zu beherzigen.
Roland Güttinger