Zyklische Abläufe des politischen Geschehens

Ein wenig bekannter und fast nie diskutierter Text

von Jean-Rodolphe von Salis aus dem Jahre 1971

Nichts Neues unter der Sonne?

Man zögert, von Gesetzlichkeiten zu sprechen, wenn es sich um die Erscheinungen und Abläufe des politischen Geschehens handelt. Aber es gibt auch in diesem ewig bewegten Element gewisse Regelmässigkeiten, sogenannte Konstanten, die den Gedanken nahelegen, dass die Dinge sich wiederholen, dass «es nichts Neues gibt unter der Sonne». Um Wiederholungen im Sinne der Identität handelt es sich dabei allerdings kaum, denn die Varianten sind unerschöpflich. Wir beobachten also in der Geschichte nur Variationen, ohne das Grundthema wirklich zu kennen – mit andern Worten: Wir dürfen annehmen, dass es einige konstante Phänomene, vermutlich gewisse Grundgesetze des politischen Verhaltens gibt, die, in immer neuen Kombinationen abgewandelt, variiert werden.
Bismarck nannte die Politik mit Recht «ein flüssiges Element»; aber auch das Fliessende, die Ströme, sind gewissen Gesetzlichkeiten unterworfen. Der wesenhaft dynamische Charakter des politischen Geschehens lässt sich zwar schwer bändigen; aber die Strömung kann eingedämmt werden, das Wildwasser wird durch Verbauungen gezähmt und daran gehindert, von neuem über die Ufer zu treten und Verwüstungen anzurichten. Die Politik ist auch ein Strom, der schiffbar gemacht wurde: man kann fast nur zu solchen Bildern greifen, um verständlich zu machen, dass die menschliche Gesellschaft und die Staatengesellschaft ununterbrochen konfrontiert werden mit tieferen Kräften der Veränderung, der Wandlung, des Widerstandes, der Zerstörung, und dass sie daher der Schutzmassnahmen bedürfen, damit das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung nicht immerzu gestört werde. Damit die Menschheit immer von neuem sich retten und überleben kann.

Heisst Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung, dass die Menschheit nur so davor bewahrt wird, sich stets von neuem retten und überleben zu müssen?

In diesem steten Wandel das Konstante und Typische zu entdecken, zu erforschen, ob es Dinge gibt, die sich wiederholen oder doch – da wir in der Geschichte keine Identitäten, sondern nur Analogien feststellen können – vergleichbar sind, dürfte eine wesentliche Aufgabe der politischen Wissenschaft sein. Da diese bis dahin einer allgemein anerkannten Systematik ermangelt und auf der Suche ist nach einem Bezugssystem, das die Klassifizierung der verschiedenen Variablen in der politischen Erscheinungswelt gestatten würde, sind wir vorläufig auf den Weg der Empirie verwiesen. Vieles, selbst in den Naturwissenschaften, kann nur auf empirischem Wege erkannt werden; aber davon ausgehend ist es möglich, Typisches, Analoges, Konstantes festzustellen und methodisch zu ordnen. Es gibt zweifellos gewisse Abläufe, die zyklischen Charakter haben; es gibt auch Faktoren, die als ständig auftretende Elemente des Geschehens das politische Spiel mitbestimmen; und es gibt schliesslich immer wieder verwendete Mittel, mit denen dieses Spiel bestritten – mit denen diese Kämpfe ausgetragen werden.

Aus der vergleichenden Betrachtung Schlüsse ziehen

Wenn wir das reiche Material zu Rate ziehen, das uns die Geschichte zur Verfügung stellt, können wir aus seiner vergleichenden Betrachtung Schlüsse ziehen, das heisst abstrahieren. Jacob Burckhardt hat mehr andeutend als erschöpfend, aber mit grossem Scharfsinn eine Lehre von den geschichtlichen Krisen entwickelt. Er hat auch darauf hingewiesen, dass es pathologische Erscheinungen in der Geschichte gibt. Dieser Gedanke ist zu seiner Zeit kaum beachtet und gedanklich nicht weiterentwickelt worden, weil er einer optimistischen Auffassung von der Politik und dem Fortschrittsglauben gar zu sehr in die Quere kam. Auch heute liegt kaum ein Ansatz zu einer methodischen Untersuchung der sozialen und politischen Pathologie vor; diese ist lediglich bei der Beschreibung gewisser Phänomene, zum Beispiel des revolutionären Terrors oder anderer Formen des kollektiven Wahns, in die historische und politische Literatur eingegangen. Es dürfte an dem Gegenstand liegen, dass bei Untersuchungen über bestimmte Vorgänge innerhalb des politischen Universums überhaupt die Beschreibung, die Schilderung vorwiegt, die Systematik aber zu kurz kommt.

Zyklische Abläufe

Bereits im griechischen Altertum sind zyklische Abläufe beschrieben worden. Ob es nun historisch wirklich zutrifft, dass sich die Polis von der Monarchie über die Oligarchie zur Demokratie entwickelte, worauf die Demokratie in eine Art Pöbelherrschaft ausartete, aus der die Tyrannis hervorging: jedenfalls liefert uns hier die Klugheit und Beobachtungsgabe antiker Gelehrsamkeit ein brauchbares Schema für die Feststellung zyklischer Abläufe. Zum erstenmal wird festgestellt, dass sich die Institutionen eines Staates nicht nur wandeln, sondern dass dieser Wandel gewissen Regeln, wenn nicht Gesetzmässigkeiten unterworfen ist. Der Wandel wäre also nicht blosse Willkür, nicht das Werk des Zufalls oder rebellischer Bürger, die die alte Ordnung stürzen und eine andere, schlechtere oder bessere, an ihre Stelle setzen; sondern dieser Wandel entspricht einer Notwendigkeit des politischen Ablaufs. Damit ist bereits angedeutet, dass auch die Krise in der Politik als eine typische Erscheinung betrachtet werden muss, da bei einem zyklischen Ablauf der Übergang von einem Zustand zum andern krisenhafte Züge trägt. Denn es ist nicht zu vermuten, dass der Einzelherrscher – der Monarch – widerstandslos seine autokratische Macht auf eine Oligarchie überträgt noch dass diese ohne Gegenwehr der Demokratie den Platz räumt. Vollends die Entartung der Demokratie bildet an sich schon einen Krisenzustand, der einem Tyrannen oder Diktator den Weg bereitet.
Als konstant kann demnach die Wandelbarkeit der Regierungsform, als typisch der zyklische Charakter dieses Wandels, als vergleichbar können die verschiedenen Stadien dieses zyklischen Ablaufs angenommen werden.
Diese schematisierende Feststellung dürfte eines jener Grundphänomene bezeichnen, von denen wir in der geschichtlichen Wirklichkeit nur die vielen Varianten oder Spielarten kennen. Denn nun müssen die vielgestaltigen Faktoren berücksichtigt werden, die diesen Wandel innerhalb der verschiedenen Staatswesen zu verschiedenen Zeiten, bei verschiedenen geographischen, klimatischen, ethnischen, gesellschaftlichen, ökonomischen, kulturellen und religiösen Zuständen beeinflussen. Das griechische Schema bezieht sich typisch auf den kleinen Stadtstaat der Antike in einem geographisch reich gegliederten Land und in einem sozialen Milieu, das sich vom Handwerk, vom Handel und von der Schiffahrt nährt. Die Sesshaftigkeit der Bevölkerung bildet die natürliche Voraussetzung einer derartigen Entwicklung, während in einer nomadisierenden Bevölkerung, die für die orientalischen Gesellschaften der Antike charakteristisch ist, ein anderer Ablauf angenommen werden muss. In einer ackerbauenden Gesellschaft, die in einem grossflächigen Stromland lebt, wie sie im alten Ägypten der Pharaonen die Grundlage des Staates bildet, ist der Wandel von der Königsherrschaft zur Oligarchie und von dieser zur Demokratie nicht erfolgt, weil die sozialen, ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen dazu nicht vorhanden waren.
Bei der Erforschung typischer Vorgänge, also auch zyklischer Abläufe, kann nur Vergleichbares miteinander verglichen werden. Nicht mit den gleichzeitigen orientalischen Grossreichen ist die politische Entwicklung der griechischen Stadtstaaten vergleichbar, wohl aber mit Stadtstaaten anderer Epochen, deren werktätige und daher auch politisch aktive Gesellschaft aus Handwerkern und Kaufleuten zusammengesetzt war. Solche Stadtrepubliken gab es im Mittelalter im westlichen Russland, in Italien, in Deutschland und anderswo; wenn auch im einzelnen die mittelalterlichen Kommunen in Europa in mancher Hinsicht anders strukturiert waren als diejenigen des griechischen Altertums – man denke an den bestimmenden Einfluss der feudalen und der kirchlichen Hierarchien –, so ergeben sich doch überraschende Analogien des zyklischen Ablaufes. Wohl hat in Venedig und in Bern die städtische Erb­aristokratie bis zum Einbruch der französischen Revolutions­armeen ihre Macht nicht an die Demokratie abgetreten; aber in andern Städten, wo der bürgerliche Mittelstand Reichtum und Wissen erlangte, wie in manchen deutschen Reichs- und Hansestädten, in Flandern, in Basel, Genf und Zürich, in Florenz und vielen andern italienischen Stadtrepubliken, haben typische Übergänge von der Regierung eines feudalen oder geistlichen Oberherrn über die Herrschaft einer Oligarchie zur breiter angelegten Regierung der Stadtbürger stattgefunden. Auch das Auftreten eines Stadttyrannen, der den Wirren einer unstabilen und unruhvollen Demokratie ein Ende setzt, ist, vor allem in Italien, eine typische Erscheinung und setzt beispielsweise im Florenz der Medici dem Zyklus des republikanisch-oligarchisch-demokratischen Ablaufs ein Ende.    •

aus: J. R. von Salis. Geschichte und Politik. Betrachtungen zur Geschichte und Politik. Beiträge zur Zeitgeschichte. Zürich 1971. Orell Füssli Verlag. Teil I, Seite 130–133. Die Teile II, III und IV werden in loser Folge in Zeit-Fragen zur Diskussion gestellt werden.