Dialektik

Eine Ansprache anlässlich der Diplom- und Promotionsfeier der Medizinischen Fakultät der Universität Bern

von Prof. Dr. med. Felix J. Frey Universitätsklinik für Nephrologie, Hypertonie und Klinische Pharmakologie Inselspital

Geschätzte Studentinnen und Studenten, lieben Sie Dialektik?
Falls nein, werden Sie meine Ausführungen nicht schätzen. Das ist weiter nicht tragisch, denn in 15 Minuten haben Sie es überstanden. Allerdings, wenn Sie den von Heraklit erstmals formulierten dialektischen Dreischritt nicht lustvoll in Ihr Leben inkorporieren, wird sich Ihre Zukunft wahrscheinlich eindimensional, vielleicht beklemmend, aber sicher verwirrend präsentieren; denn der Fortschritt der Menschheit erfolgt in anti­podischen Schritten, die sich früher oder später in der Mitte wieder finden, wobei, mit der heutigen Beschleunigung der Entwicklung, Sie nicht erwarten dürfen, basierend auf einer einzigen These Ihr Leben durchwandern zu können.
Zuerst sollte ich Ihnen eigentlich gratulieren, so die Tradition; denn Sie haben Ihr Ziel erreicht, Ihr Studium und Ihre Forschungsarbeit erfolgreich hinter sich gebracht. Sie sind jetzt Zahnarzt, Biomedizinischer Ingenieur, Biomedizinischer Wissenschaftler, Master of Medical Education oder Arzt geworden und werden mit einem Master-, PhD- oder Dr.-med.-Titel dekoriert. Sie haben dafür jahrelang geschuftet, gelitten und hoffentlich auch über die Professoren und die Universität geschimpft und gelästert. Dafür verdienen Sie Respekt und für Ihren Einsatz Dank. So denken Sie, die Absolventen, aber auch die geschätzten Gäste oder mein alter Mitstreiter, der Dekan.
Sicher haben Sie es aus den Medien mitbekommen. In Griechenland sitzen Kommilitonen in letzter Zeit plötzlich in einer Vorlesung ohne Dozenten. Der Professor hat Hals über Kopf, ohne Abmeldung, eine Professur in einem anderen Land angenommen. Im Hörsaal schlottern die Studenten, denn die Heizkosten wurden eingefroren. Die Infrastruktur der Schulen zerfällt, Verbrauchsmaterialien für Praktika oder Forschung werden spärlich, und an Forschungsstellen glauben nur noch Träumer, alles mangels finanzieller Ressourcen.
Besser situiert sind die amerikanischen Studenten. Sie haben hervorragende Unterrichtsbedingungen. Aber am Schluss des Studiums sind die meisten mit Schulden von 50 000 bis 250 000 US-Dollar belastet. So war es, als ich in den 70er Jahren in San Francisco arbeitete, und so ist es dort immer noch; denn die Studierenden der High Schools und Universitäten müssen den Unterricht finanzieren. Deshalb ist es vollkommen inadäquat, wenn ich Ihnen, den Berner Studenten, hier für die erbrachte Leistung gratuliere oder gar danke. Gratulation und Dank verdienen der Staat und Ihre Eltern, weil sie Dozenten und Infrastruktur und allem voran Freiraum für das Studium Ihrer Wahl zur Verfügung gestellt haben.
Nun, Sie, die erfolgreichen Absolventen, haben hoffentlich jetzt die Nase gerümpft; denn was soll eine Universität ohne uns Studenten? Die Uni ist ja geradezu für ihre Existenzberechtigung auf uns angewiesen. Wenn wir schlappmachen, geht nichts mehr. Ja, Sie haben recht. Sie, die Studenten, und die Uni waren eine Schicksalsgemeinschaft. Waren? Nein, sie sollen es auch in Zukunft sein! Denn wenn Sie ab heute als die Elite in der Schweiz nicht hinter der Universität stehen, wie dies Ihre Eltern getan haben, denen ich dafür danken möchte, werden Ihre Kinder einmal griechisch-amerikanische Bedingungen vorfinden. Und die Gefahr, meine Damen und Herren, ist reell, denn die Studentenzahl ist in den letzten 20 Jahren überproportional gewachsen im Verhältnis zur Zunahme der vom Staat zur Verfügung gestellten finanziellen Ressourcen. Bereits hat das Rektorat der Not gehorchend die Einschreibegebühren angehoben, minim, symbolisch, wie man sagt. Ich war und bin dagegen; denn vergessen Sie nicht «l’appétit vient en mangeant».
Und schlimmer noch, vom Rektorat kommt es von einer Institution, die sich unbescheiden mit «Zukunft Schweiz», «Avenir Suisse», betitelt und postuliert, die Finanzierung der Bildung soll nicht mehr über den «Anbieter», also hier den Staat, sondern über den «Bildungsnachfrager», sprich letztlich zunehmend durch die Studierenden erfolgen. Vorgeschlagen wird, dass die Studierenden selber 15 Prozent der Kosten des Gymnasialunterrichts und 100 Prozent der Kosten des Masterstudiums und des Doktorats bezahlen sollen. In einem solchen Modell wird das finanzielle Potential der Familien der Studierenden zu einer wesentlichen Determinante für die Studienwahl, und bedenklicher noch, die pekuniären Aussichten im zukünftigen Berufsfeld und nicht das genuine Interesse und die individuellen Fähigkeiten werden die Auswahl des Studienfachs und die Studientiefe determinieren. Die Bildung wird unter diesen Umständen zunehmend ein Privileg für Kinder begüterter Eltern, und der Bildungsinhalt verkommt zu einer Ware, die man wählt, weil sie grosse Einkünfte verspricht. Sinnigerweise ist die genannte Forderung «Von der Anbieter- zur Nachfragefinanzierung» in der gleichen Tabelle mit der Forderung nach «Besseren Rahmenbedingungen für Hedgefonds» publiziert worden («Bund», 17. Januar 2013, Seite 7).
Sie haben sicher realisiert: Für mich ist Bildung ein Gemeingut. Bildung gehört damit zu den Grundrechten wie der Anspruch auf Wasser, Nahrung, Kleider, medizinische Betreuung, Religions- oder Meinungsfreiheit. Der freie Zugang zur Bildung für die Entfaltung des jungen Menschen ist unabdingbar und war in der Vergangenheit für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz essentiell.
Liebe Studentinnen und Studenten, Ihr Privileg, sich dank dem Gemeingut Universität weiterentwickeln zu dürfen, führt aber jetzt zu einer Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber, die dieses Gemeingut unterhält. Sie werden sich jetzt sagen: Was soll ich mit dem Begriff «Gemeingut» oder «bien commun»? Damit sollen sich Soziologen und Juristen befassen. Wir wurden ausgebildet, um den normal funktionierenden Körper zu begreifen, mit dem letzten Ziel, dann zu helfen, wenn der menschliche Körper aus der Homöostase gerät. Die dazu erworbenen Erkenntnisse sind weitgehend logisch, allgemeingültig und, abgesehen von einigen esoterischen Bereichen, empirischer Art, weshalb sie letztlich vermittelbar sind, und bezüglich ihrer praktischen Anwendung erstaunlicher Konsens herrscht. Somit erfüllen wir biomedizinisch tätigen Akademiker immer mehr Max Webers Postulat, werturteilsfreie Wissenschaftler zu sein. Das ist praktisch; denn es gibt nichts, was rational agierende Menschen mehr zu gemeinsamem Handeln führt als Tatsachen. Nicht erstaunlich, hat sich deshalb der bio-medizinische Wirtschaftsbereich mit all seinen Aspekten in den letzten 50 Jahren extrem ausgebreitet, und zwar global. Es wird so weitergehen. Sie sitzen also im richtigen Boot.
Allerdings – die empirischen Wissenschaften haben eine entscheidende Grenze. Zwar sind sie enorm effizient, um ein praktisch relevantes anvisiertes Ziel zu erreichen, aber aus den geschaffenen oder erkannten Tatsachen lassen sich keine Normen ableiten. Erkenntnisse und Tatsachen der empirischen Wissenschaften beinhalten hingegen Macht. Diese Macht manifestiert sich manchmal dreist pekuniär, oder schlimmer noch, militärisch-kriegerisch. Als Beispiele zum letzteren Punkt erinnern Sie sich bestimmt aus dem Geschichtsunterricht des letzten Jahrhunderts an die strategisch «erfolgreiche Anwendung» der Erkenntnisse des Effekts inhalierter Gase oder radioaktiver Bestrahlung auf den menschlichen Körper. Und bezüglich der pekuniären Usurpierung der biomedizinischen Wissenschaften sind Ihnen die Grössenordnungen wohl kaum mehr bewusst, weil Sie seit 1989, dem Fall der Mauer, mit einer historisch nie dagewesenen Dreistigkeit indoktriniert worden sind, dass lediglich der persönliche Profit den Menschen fleissig mache. Die Hilfsbereitschaft, der «acte gratuite», die kategorische Freude an Kunst und die Kreativität, einst tragende Elemente der menschlichen Gesellschaft, und allem voran des ärztlichen Tuns im Dienste der kranken Menschen, wurden totgeschwiegen. Vielleicht ändert sich das jetzt wieder, weil auch die engstirnigsten freimarktgläubigen Mitbürger realisieren, dass Jahressaläre für einzelne Ärzte/Manager im biomedizinischen Bereich in der Grössenordnung der jährlichen universitären Kosten von 500 Medizinstudenten oder 200 klinisch tätigen Assistenzärzten zu einer sozialen Instabilität führen könnten und die liberale Marktordnung selbst für die Bereiche, wo sie zweifellos sinnvoll ist, aufs «Schafott bringen» (Philipp Müller, Präsident FDP).
Zu Recht werden Sie jetzt argumentieren: Solch groteske Situationen werden in meinem Leben kaum eintreffen, und falls dies wider Erwarten trotzdem der Fall sein sollte, so glaube ich Ihnen auch, dass Sie sich an einer deontologischen Ethik orientieren werden. Die Frage bleibt allerdings, ob man sich als kleines Rädchen bewusst wird, wenn das umfassende Räderwerk in eine für die Gemeinschaft potentiell verheerende Richtung abdriftet. Dieses Bewusstwerden war in der Vergangenheit schwierig, wie dies Hannah Arendt formal an einem historisch traumatischen Beispiel dargestellt hat, und wird in der heutigen Zeit noch schwieriger, was wahrscheinlich unter anderem etwas mit der Spezialisierung zu tun hat. Die berufliche Spezialisierung war und ist zweifellos ein unabdingbarer Mechanismus für den Fortschritt der Menschheit.
Diese phylogenetisch relevante Ein­engung des beruflichen Aktivitätsradius haben Sie alle bereits als Individuum erfahren. Denken Sie zurück an den breiten Fächerkanon in der Grundschule und im Gymnasiums bis zur Matur und seine kontinuierliche Einengung auf der Hochschule vom Bachelor zum Master und zum PhD. Im Berufsleben werden Sie fachlich nochmals mehr in die Tiefe gehen müssen, sonst bleibt Ihr Impact marginal. Sarkastiker sagen, Sie sind verurteilt, Fachidiot zu werden. Das will eigentlich niemand. Aber Vorsicht, wer nicht fachkompetent wird, wird zwar kein Fachidiot, aber ein Idiot im Fach. Deshalb werden Sie notgedrungen in die Tiefe gehen. Trotzdem müssen Sie – und das ist anspruchsvoll – einen weiten Horizont entwickeln, um nie Rädchen einer fatalen totalitären Entwicklung zu werden. Diese Weitsicht kann verlorengehen. Mit der heutigen beruflichen, familiären und Selbstverwirklichungs-Belastung besteht die Versuchung, sich ausschliesslich um die wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren Anwendung zu kümmern, mit dem Ziel, die eigene kleine Existenz zu optimieren. Sie werden dabei gewissermassen ein kleines Einzelunternehmen, im wesentlichen eine «Ich-Firma» im Gesundheitsmarkt.
Und darin besteht nach meiner Wahrnehmung momentan die grösste Gefahr, wenn Sie jetzt ins Berufsleben eintreten werden. Die Situation des kranken Menschen, der ohne biomedizinische Hilfe leidet oder gar stirbt, ist a priori kein Objekt, um das herum sich ein fairer, freier Handel im neoliberalen Sinn entwickeln kann. Der totalitäre Anspruch, alles müsse finanziell gewinnbringend sein, inklusive die Investitionen zweifelhafter Provenienz im Gesundheitssystem, wird unweigerlich zu einem Spannungsfeld zwischen Ihren persönlichen Ansprüchen, dem Investor und dem Patienten führen. Der Patient ist der Schwächste im Bund. Bei ihm geht es ums Sein. Sie sind sein Anwalt.
Wir haben es gehört, bereits Heraklit erkannte, unsere Gesellschaft entwickelt sich in antipodischen Schritten. Diese Tendenz des Sich-entwickeln-Wollens scheint ein Wesensbestandteil des Menschen zu sein. Wie Karl Jaspers, Arzt und Philosoph, es treffend ausdrückte (Karl Jaspers, Kleine Schule des philosophischen Denkens, Piper, 1974, S. 65): Der Mensch ist in Bewegung: Er kann nicht bleiben, wie er ist. Er befindet sich im ständigen Wandel seines Zustandes und ist nicht wie die Tiere ein in seiner Wohlgeratenheit sich von Generation zu Generation wiederholendes Wesen. Er drängt über das, wie er sich gegeben ist, hinaus. Der Mensch ist nach Nietzsche, das «nicht festgestellte Tier». Tiere wiederholen, was schon war.
Sie und ich können unserem Wesen nach nicht so bleiben, wie wir sind. Sie sind jetzt Zahnarzt, Arzt, Master für Medical Education, Biomedizinischer Ingenieur oder Wissenschaftler mit einem Master, PhD- oder Dr.-med.-Titel der Universität Bern. Herzliche Gratulation nochmals. Das ist aber kein Zustand; denn es geht weiter, unaufhaltsam, dialektisch, und ich kann es Ihnen verraten: Sie wird spannend, Ihre Zukunft, vorausgesetzt, Sie engagieren sich als Akademiker, das heisst breite Verantwortung übernehmen für sich, Ihre Nächsten, Ihre Familie, aber vergessen Sie nie: vor allem für die Gemeinschaft; denn die hat Sie bis jetzt getragen.    •

Quelle: Schweizerische Ärztezeitung 2013, Jg. 94 (29/30) 1139–41