Englisch – Freude an einer Sprache gezielt zerstören

Eindrücke eines Englischlehrers auf der Sekundarstufe I

von Stefan Bucher

Seit vielen Jahren erteile ich Englischunterricht an der Oberstufe. Bisher führte ich die Schüler anhand eines systematischen Lehrwerkes in die Struktur der Sprache ein, leitete sie von Anfang an an, Vokabeln mikroskopisch genau zu lernen, die besprochene Grammatik an Beispielsätzen gezielt zu üben, um sie letztlich innerhalb von drei Jahren Oberstufenzeit zu einem recht freien Gebrauch der Sprache in verschiedenen Lebensbereichen zu führen und ihnen gleichzeitig das Rüstzeug an die Hand zu geben, sich andere Bereiche der Sprache und der Gesellschaft in der englischen Sprache zu erarbeiten.
Grammatikalisch beherrschten die Schüler present simple, present continuous, present perfect, past simple (einschliesslich einer Liste gebräuchlichster unregelmässiger Verben), past continuos, will-future, going-to-future, die drei conditionals. Die systematische Erarbeitung und die enge Begleitung führten bei den Schülern zu der Überzeugung der Lernbarkeit einer neuen (anfangs leichten) Sprache und hatten bei den meisten meiner Schüler zum Ergebnis, dass das Fach Englisch zu ihrem Lieblingsfach wurde. Vereinzelt schlossen Schüler an diese drei Jahre Englischunterricht einen Auslandsaufenthalt an und absolvierten danach erfolgreich das Cambridge First Certificate in English (FCE).
In diesem Jahr empfange ich erstmals ehemalige Primarschüler im neu als Niveaufach eingerichteten Unterrichtsfach Englisch, Niveau E (höchstes Niveau!), die bereits sogenanntes «Frühenglisch» hatten. Die Schüler hatten also bereits seit dem dritten Schuljahr Primarstufe wöchentlich 2 Lektionen Englisch, und das über vier Jahre. Das Bild ist niederschmetternd.
Ausgehend davon, dass die Schüler in etwa gleich viele Stunden mit der Fremdsprache verbracht hatten wie meine frisch abgegebenen Drittklässler der Oberstufe (drei Lektionen über drei Jahre entsprechen in etwa zwei Lektionen über vier Jahre), dachte ich, ich könne auf einen grossen Wortschatz zurückgreifen und dass die Schüler mich im gesprochenen Wort verstehen würden. Die erste Lektion spreche ich etwa fünf Minuten Englisch mit den neuen Schülern, bis ich feststelle, dass ich nicht verstanden werde. Auf meine Nachfrage, wer mich verstanden habe, erhalte ich ein (!) vages Handzeichen in der ganzen Klasse. Also gut. Ich setze weiter unten an: Ich erkläre den Schülern, was sie in meinem Unterricht erwartet. Sie kennen das Wort «vocabulary» nicht … Sie haben noch nie einen «vocabulary test» geschrieben. Sie kennen kein Grammatikheft. Sie haben ein halbes Jahr lang im Englischunterricht Naturbeobachtungen angestellt.
Relativ desillusioniert überprüfe ich im Primarschullehrwerk, was die Schüler hätten können sollen. Welche Lernziele sind formuliert? Ich stosse auf einen Grundwortschatz von 1300 Wörtern, der den Schülern aus der Auseinandersetzung mit dem Lehrwerk aus der Primarschule vertraut sein sollte. Die Schüler sollten die Zeiten present simple, ­present continuous, past simple (plus einige häufig verwendete unregelmässige Verben), will-future und going-to-future kennen. Ich lasse die Schüler noch in der ersten Schulwoche den Übertritts-Check – einen Test – schreiben, der dem Lehrer der Oberstufe anzeigen soll, was die Schüler aus der Primarschule mitbringen, um ihnen dann gezielt individualisiertes Schulmaterial zur Verfügung zu stellen, anhand dessen sie dann die zu Tage tretenden Lücken schliessen können sollen. Der Test zeigt flächendeckende Unwissenheit und präsentiert überdies auch noch in einem Multiple-Choice-Verfahren eine verwirrende Vielzahl falscher Formen, die die Schüler in der Folge ständig wiederholen.
In einem anschliessenden Repetitorium aller Bereiche, die als Lernziele angegeben sind (ausser die beiden future tenses) werden die Schüler mit strukturierten Einträgen der Grammatik vertraut gemacht und mit Übungsmaterial versorgt. In einem zweiten Test nach vier Wochen ist das Ergebnis wiederum ernüchternd: Die Schüler sind nicht gewohnt zu lernen, sie wissen nicht, dass man gewisse Dinge auswendig lernen muss.
In einem Gespräch bei der Rückgabe dieses Tests kann ich nicht umhin, den Schülern vom Englischunterricht zu berichten, so wie ich ihn bisher kannte. Die Schüler schauen mich mit staunenden und gleichzeitig fasziniert-sehnsüchtigen Blicken an. Sie bitten mich flehentlich, mit ihnen nochmal ganz von vorn anzufangen. Ich würde dies sogar tun, wenn nicht das neue Lehrmittel mich innerhalb des Niveau-Faches dazu zwingen würde, im ersten Schritt die Reihenfolge aller (!) Adjektive im Satz, compound nouns und Themen wie Architektur am Beispiel des Chrysler-Building, art deco (Radkappen, Motorhauben, Kühlerfiguren …), Entwerfen eines eigenen Grundrisses der eigenen Traumwohnung usw. durchzunehmen. Warum gezwungen? Weil Schüler, die aus dem nächst schwächeren Niveau zu mir «aufsteigen» denselben Stoff durchgenommen haben müssen wie wir, und weil Schüler, die von mir aus «abgestuft» werden müssen, sonst im mittleren Niveau nicht mithalten könnten.
Der Niveau-Unterricht nivelliert die Lehrmittelfreiheit und damit nahezu auch die Methodenfreiheit.
Vermutlich gibt es auch in der Primarschule entsprechende Rahmenbedingungen, die es selbst den willigen Englischlehrern verunmöglichen, die Sprache strukturiert beizubringen.
Bei einem Austausch zwischen Primar- und Oberstufenlehrern findet eine Diskussion über das neue Primarschulfach Englisch statt. Den Primarlehrern sei es in ihrer Englischausbildung an der Pädagogischen Hochschule eingebleut worden, keinen Wert auf Rechtschreibung und Grammatik zu legen, sondern lediglich auf die Freude an der Sprache, indem sie dem kommunikativen Ansatz voll und ganz Rechnung tragen. Grammatik lernen und «vocabulary tests» seien ihnen verboten worden, da diese die Freude an der Sprache zerstören würden. Ich frage mich, wie man Freude an einer Sprache entwickeln soll, wenn man sie nicht versteht …

Nota bene

Seit der dritten Woche an der Oberstufe finden wöchentlich «vocabulary tests» statt, die den erwähnten Wortschatz nachholen. Diese Aufarbeitung kostet viel Zeit, die eigentlich in der Primarschule zur Verfügung stand. Dennoch lohnt sich die Aufarbeitung, da die Schüler jetzt nach einem guten Quartal fleissig lernen und sich sehr über ausgezeichnete Ergebnisse freuen. Es werden wöchentlich 50 Wörter abgefragt, wobei mittlerweile Klassenschnitte von 2 Fehlern keine Seltenheit mehr sind. Die Schüler gewöhnen sich auch langsam an den Umstand, dass Grammatikeinträge relevant sind. Der Unterricht kann jetzt schon mehrheitlich auf Englisch abgehalten werden – und dennoch kann ich froh sein, wenn es gelingt, die Schüler zum gleichen Niveau zu führen wie vorherige Generationen, die Englisch erst mit Eintritt in die Oberstufe begonnen hatten.
Wieso wird diese wertvolle und für Englisch vergeudete Primarschulzeit nicht für Kernfächer wie Deutsch und Mathematik verwendet?    •