General de Gaulle – Analyse eines Phänomens

von Jean-Rodolphe von Salis (1901–1996), Januar 1968

Die folgende Abhandlung wurde im Auftrag des Bayerischen Rundfunks verfasst. Sie ist am 21. Januar 1968, dem fünften Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftspaktes durch Adenauer und de Gaulle, in München gesendet worden. Die Ereignisse, die am 28. April 1969 zum Rücktritt de Gaulles führten, werden hier nicht mehr behandelt. Es schien mir richtig, den Text so abzudrucken, wie er zu Lebzeiten de Gaulles und als er noch Staatspräsident war, geschrieben wurde. General de Gaulle starb am 9. November 1970, kurz vor seinem 80. Geburtstag. An der Trauerfeier in der Notre-Dame-Kathedrale in Paris nahmen die Staatsoberhäupter und Regierungschefs fast aller Staaten der Welt teil. Seinem Wunsch entsprechend wurde de Gaulle im Dorffriedhof von Colombey-les-deux-Eglises ohne Teilnahme offizieller Persönlichkeiten beigesetzt. Reden und Ehrungen anläss­lich seines Ablebens hatte sich der General verbeten.
Der Name des Generals de Gaulle wurde mit einem Schlag in der Welt bekannt, als dieser knapp fünfzigjährige Offizier sich weigerte, die Niederlage, die die französische Armee im Frühsommer 1940 im Mutterland erlitten hatte, als endgültig anzuerkennen, und die Franzosen von London aus aufrief, an der Seite der Verbündeten den Kampf gegen den Feind fortzusetzen. Es war ein Akt der Auflehnung, der Gehorsamsverweigerung gegen seine militärischen Oberen, der Rebellion gegen die in Bordeaux eingesetzte Regierung des Marschalls Pétain, der den Eintritt von Charles de Gaulle in die Politik seines Landes und Europas zu einem Ereignis von historischer Bedeutung werden liess.
Als ein abtrünniger Offizier, der im Augenblick der Katastrophe sein Land verlassen hatte, um den Kampf von England aus fortzusetzen, ist de Gaulle in die Geschichte eingetreten; das Regime von Vichy, das sich den Bedingungen Hitlers gebeugt hatte, verfehlte nicht, ihn von einem Gericht zum Tode verurteilen zu lassen. Der Bruch mit dem Herkommen, der Bruch mit der militärischen Disziplin, der Bruch mit überlebten politischen und strategischen Vorstellungen, der scheinbare Bruch mit einer Heimat, die von feindlichen Panzerdivisionen überrannt worden war, aber nach der Panik einer zu plötzlichen Niederlage allmählich wieder zur Besinnung kam und im geheimen den Widerstand gegen die Besatzungsmacht vorbereitete – dieser Bruch und mit ihm die Auflehnung gegen die Behörden des besetzten Frankreich haben für immer den Charakter und die Laufbahn des Generals de Gaulle bestimmt.
Es sind oft dramatische Umstände, die es ausserordentlichen Persönlichkeiten gestatten, in das Getriebe dieser Welt, kämpfend und wendend, einzugreifen. So ist Winston Churchill am 10. Mai 1940, am Tage der deutschen Offensive gegen Westeuropa, Premierminister geworden, und de Gaulle am folgenden 18. Juni, dem Tage seines Aufrufs an das französische Volk, Anführer des kämpfenden oder freien Frankreich. Ausserordentlich will aber heissen: ausserhalb der gewohnten Ordnungen, jenseits der normalen Laufbahnen, im Widerspruch zu den etablierten Gesellschaftsmächten. Im Fall de Gaulles bedeutete es, dass ein im Schlachtgetümmel zum Brigadegeneral beförderter Oberst, der von Ministerpräsident Reynaud zum Staatssekretär im Verteidigungsministerium ernannt worden war, die Rechtmässigkeit der von allen Staaten anerkannten Regierung Pétain bestritt und sich anheischig machte, die Legitimität und Kontinuität des französischen Staates zu repräsentieren.

«Ausgestattet mit der Gabe der Autorität und einem hohen Verstand»

Nun war, äusserlich betrachtet, de Gaulle in jenem Sommer 1940 nichts als ein Flüchtling in der Hauptstadt des britischen Empire; seinem Ruf hatte kein einziger unter den führenden französischen Politikern und Militärs (mit Ausnahme des Generals Catroux) Folge geleistet. Er verfügte vorerst nur über eine Handvoll Getreuer, zumeist junger Offiziere und Funktionäre, und über eine kleine Streitmacht, deren Front er am Nationalfeiertag des 14. Juli in London rasch genug abschreiten konnte. Aber de Gaulle wurde von Churchill anerkannt, zwar nicht als Haupt einer Exilregierung, denn auch die britische Regierung schonte Vichy, aber als der führende Mann, der den Kampf seines Landes an der Seite Grossbritanniens und seiner Alliierten fortsetzte. Stolz, einsam, verschlossen und doch beredt, ausgestattet mit der Gabe der Autorität und einem hohen Verstand, fast mittellos, ehe die Kolonien Französisch-Äquatorialafrikas sich noch im gleichen Jahr seiner Bewegung anschlossen; nach einiger Zeit über mehrere Divisionen und einige Kriegsschiffe verfügend; ständig bedacht, nicht als Söldling der Engländer, wie es ihm von den heimischen Behörden vorgeworfen wurde, sondern als ihr selbständig handelnder Verbündeter und als anerkanntes Haupt der innerfranzösischen Widerstandsbewegung aufzutreten; in einer Art Zweifrontenkrieg gegen den äusseren Feind und gegen die der französischen Interessen und Rechte geringachtenden angelsächsischen Verbündeten begriffen; endlich sich Gehör erzwingend bei Churchill und Roosevelt und bei den anfänglich widerstrebenden französischen Behörden und Offizieren in Nordafrika, wo die Anglo-Amerikaner Ende 1942 Marokko und Algerien besetzt hatten; Präsident des Nationalen französischen Befreiungskomitees in Algier, das ein französisches Expeditionskorps unter dem General Juin am Feldzug in Italien teilnehmen lassen konnte, ehe diese Truppen im August 1944 gemeinsam mit den amerikanischen in Südfrankreich landeten und unter dem Kommando de Lattre de Tassignys an der Befreiung Frankreichs und dem Feldzug im Elsass und in Süddeutschland teilnehmen konnten. Die französische provisorische Regierung unter dem Vorsitz von de Gaulle, die ihren Sitz wieder in Paris aufgeschlagen hatte und das im Aufruhr befindliche Land mit fester Hand unter seine Autorität zu bringen vermochte, wurde noch im gleichen Herbst von den Regierungen in Washington, London und Moskau offiziell anerkannt.
Wenn über das «Phänomen de Gaulle» gesprochen werden soll, ist es unerlässlich, diese Vorgeschichte einer politischen Laufbahn in Erinnerung zu rufen. Sie hat den Offizier, den Staatsmann, den Menschen zu tief geprägt, als dass sie uns nicht einen Schlüssel zum Verständnis der keineswegs einfachen, im Gegenteil vielschichtigen und reichen Persönlichkeit des heutigen französischen Staatspräsidenten liefern würde.
Anscheinend haben weder das katholische und legitimistische Elternhaus und die gesellschaftliche Umgebung, in der de Gaulle aufwuchs, noch seine Ausbildung zum Offizier in der berühmten Schule von Saint-Cyr diesen Sprössling einer verbürgerlichten Kleinadelsfamilie zu einer Laufbahn bestimmt, die ihn in einen Widerspruch zu den konservativen herrschenden Schichten brachte. Aber sein wacher Verstand, der zwar seine klassische Bildung und seinen Glauben an das nationale Herkommen nie verleugnet hat, nahm früh die tiefen Veränderungen und die auf den Ersten Weltkrieg folgenden Umwälzungen der modernen Welt wahr. Sein philosophischer Geist und seine literarische Begabung liessen ihn an der tiefen Unruhe des neuen Jahrhunderts teilnehmen. De Gaulle war nie ein Nur-Militär; schon seine frühesten Schriften, die dem engen Zusammenhang zwischen Politik und Kriegführung gewidmet sind, verraten den geistig regen, hochgebildeten Erforscher der historischen Gesetzlichkeiten.
Der Hauptmann de Gaulle war 1916 in Verdun als ein Verwundeter in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, und da er des Deutschen mächtig war, hat er seine ganze Aufmerksamkeit den militärischen und ­politischen Vorgängen gewidmet, die 1918 zur deutschen Niederlage und zu den Revolutionen in Russland und in Deutschland führten. Er konnte seine Erfahrungen erweitern, als er mit der französischen Militärmission in Polen weilte und Zeuge des polnischen Sieges von 1920 über die Rote Armee wurde. Zutiefst hat sich in ihm die Überzeugung festgesetzt, dass die Nationen die Quelle und die treibende Kraft aller politischen Vorgänge sind, als er sah, dass das arme und zurückgebliebene polnische Volk sich keineswegs von den Truppen des revolutionären Russland befreien lassen wollte, sondern den Krieg gegen den fremden Eindringling unterstützte. De Gaulle hatte mit dem zaristischen Offizier Tuchatschewski, wie er ein Spross aus kleinem Adel, die Gefangenschaft in Ingolstadt geteilt, und er war keineswegs überrascht, als dieser seine Dienste dem revolutionären Regime in Russland zur Verfügung stellte und mit der Roten Armee in Polen einmarschierte. Es ist eine der historischen Grundauffassungen de Gaulles, dass die Staatsformen, Gesellschaftsstrukturen und Ideologien nur die äusseren Gewänder sind, die sich die Staaten und Völker im Lauf ihrer Geschichte überwerfen, dass aber ihre Wurzeln und permanenten Interessen stärker als alle Umwälzungen sind und selbst die revolutionären Strömungen allmählich wieder in das Bett ihrer nationalen Geschichte zwingen. Er konnte als Franzose und Patriot nicht anders denken, denn so grosse Widersprüche wie in der Geschichte Frankreichs gibt es kaum in einem andern Land, wenn man bedenkt, dass nacheinander so verschiedene Figuren wie Jeanne d'Arc, Richelieu, Napoleon, die Könige und die republikanischen Staatsmänner und so verschiedenartige Institutionen und politische Ideen wie die katholische Monarchie, die Revolution, das Kaiserreich und die parlamentarische Demokratie sich zu einer einzigen, grossen, nationalfranzösischen Tradition verbanden. Als Beobachter der Gegenwart konnte de Gaulle, der während der Besetzung des Rheinlands eine Zeitlang in Trier ein Kommando ausübte, auch unschwer erkennen, dass der Sturz der Monarchie in Deutschland und ihre Ersetzung durch eine parlamentarische Republik an der deutschen öffentlichen Meinung und der schwelenden Glut ihres Nationalbewusstseins nur wenig geändert hatten.

«De Gaulles Verhältnis zu Deutschland war ein ambivalentes, zwischen Bewunderung und Furcht»

Es ist bezeichnend für die Richtung, in der sich die Gedanken dieses Mannes von früh bis heute bewegt haben, dass sein erstes, 1925 erschienenes Buch den Vorgängen in Deutschland während des Ersten Weltkrieges gewidmet ist. Auch der Titel ist aufschlussreich: «La discorde chez l'ennemi» heisst er: «Die Zwietracht beim Feinde». Von diesem ersten Buch sagt ein Biograph des Generals, es sei auch sein bezeichnendstes. De Gaulles Verhältnis zu Deutschland war ein ambivalentes, zwischen Bewunderung und Furcht geteiltes. Innen- wie aussenpolitisch ist de Gaulles Haltung diejenige eines Nordfranzosen, eines in Lille, auf der Grenzscheide zwischen Frankreich und Flandern, geborenen Menschen, dessen Heimat seit Jahrhunderten Invasionen, Kriegen, Entscheidungsschlachten den Schauplatz geliefert hat; das hatte zur Folge, dass die nordfranzösischen Bevölkerungen nur durch ihre Beharrlichkeit, durch eisernen Fleiss und eine puritanische Selbstdisziplin und Arbeitsamkeit die Stürme der Geschichte überstehen konnten. Im Ersten Weltkrieg war Nordfrankreich lange von den Deutschen besetzt und Schlachtfeld des grossen Ringens. Die Arbeiter der Kohlenreviere und Textilfabriken, die Bauern der flämisch-französischen Grenzscheide waren im Infanterieregiment, in dem de Gaulle im Krieg als Offizier diente, der zähe und ernste Menschenschlag, mit dem de Gaulle zeitlebens das französische Volk identifiziert hat; was, nebenbei bemerkt, zur Folge hatte, dass sein Stil von den Franzosen südlich der Loire nie recht verstanden wurde. Bis heute kommt in den Wahlstatistiken, die in Südfrankreich dem Gaullismus nicht günstig waren, dieser Unterschied zum Ausdruck. Aussenpolitisch und strategisch erklärt dieses Verhältnis die äusserst sensible Aufmerksamkeit dieses politisch-militärischen Denkers für alles Deutsche, das für ihn Nachbar und Feind, aber auch Nachbar und möglicher Freund bedeutet; was ihn gelegentlich bekennen lässt, dass seine Urgrossmutter aus der Rheinpfalz stammte.
Das erwähnte Buch handelt von dem Verhalten der deutschen Heeresleitung, das den französischen Gegenschlag an der Marne im September 1914 ermöglicht hat, über den Kampf des Grossadmirals von Tirpitz, der zum unbeschränkten U-Boot-Krieg und zum Eintritt Amerikas in den Krieg geführt hat, über den von Ludendorff herbeigeführten Sturz des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg und die faktische Diktatur der Generäle, die, in Verkennung der innenpolitischen Strömungen und des militärischen Kräfteverhältnisses, den Anlass zum Zusammenbruch von 1918 gegeben hat. Dem Siegeswillen und der Leidensfähigkeit des deutschen Volkes zollt er ebenso hohes Lob wie der Kühnheit, dem Unternehmungsgeist und dem kraftvollen Einsatz aller Mittel, die nach seiner Ansicht die deutsche militärische Führung 1914–1918 ausgezeichnet haben. Den Fehler erblickt er in folgendem: «Vielleicht», heisst es in de Gaulles Buch über den deutschen Kriegseinsatz, «wird diese Studie oder, genauer gesagt, die Aufzeigung der Tatsachen, die ihren Gegenstand bildet, die Fehler zum Vorschein bringen, die diesen hervorragenden Männern gemein sind: die charakteristische Neigung zu masslosen Unternehmungen, der Drang, koste es, was es wolle, ihre persönliche Macht auszudehnen, die Verachtung für die Grenzen, die von der menschlichen Erfahrung, vom gesunden Verstand und vom Gesetz gezogen werden.»

«Grösse bedeutet Würde und Ansehen, Ehrenhaftigkeit und Unabhängigkeit»

Masslosigkeit, Machtmissbrauch, Grenzenlosigkeit, Gesetzlosigkeit: nichts ist dem in den Normen der lateinischen und französischen Klassik herangebildeten, von historischer Erfahrung gesättigten, Vernunft, Mass und ethische Werte hochschätzenden Militärschriftsteller, der im Alter von fünfunddreissig Jahren aus dem Dunkel seines Subaltern­offiziersdaseins mit seinem Erstlingswerk an die Öffentlichkeit tritt, verdächtiger und konträrer. De Gaulle hat wohl das militärische Genie Napoleons bewundert, aber wenig von ihm gesprochen; er ist ihm fremd, er hält ihn mitnichten für nachahmungswert, denn auch von dem grossen Korsen trennt ihn vieles, nicht nur sein nordisches Wesen, nicht nur seine humanistische Bildung, nicht nur sein bürgerliches Herkommen, sondern vor allem sein Glaube an kluge Beschränkung und Masshalten. De Gaulles so oft berufener Sinn für Grösse, für die «Grandeur», steht damit in keinem Widerspruch, obgleich hier die Quelle manchen Missverständnisses liegt. Diese Grösse ist für ihn ein ethischer Begriff, sie bedeutet Würde und Ansehen, Ehrenhaftigkeit und Unabhängigkeit; die grosse Nation muss ihrer Haltung auch dann treu bleiben, wenn ihr, wie 1940, ein grosses Unglück zustösst, auch dann, wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg von fremder Hilfe abhängig wird, erst recht dann, wenn es, wie heutzutage, viel grössere und mächtigere Staaten auf der Welt gibt, die Länder wie Frankreich und England in den zweiten Rang verweisen; und auch dann, wenn de Gaulle als Staatspräsident zwischen 1958 und 1962 mit eigener Hand dem Kolonialreich in Afrika, das lange der Stolz der Franzosen und ihrer Armee war, die politische Unabhängigkeit ohne Einschränkung einräumt und mit keinem Gedanken an eine Vergrösserung des vorhandenen Staatsgebietes, an irgendwelche Landerwerbungen oder Abenteuer denkt; die in der Vergangenheit Frankreich wohl Ruhm, aber auch viele Rückschläge und Leiden eingetragen haben.
Ausdrücklich hat de Gaulle einmal die «outrecuidance», das heisst die «Vermessenheit», getadelt, deren sich Frankreich in früheren Zeiten zuweilen schuldig gemacht habe. Grösse, in seinen Augen, ist nicht Mass­losigkeit, nicht materielle Übermacht, nicht Vermessenheit. Ihre Betonung mag auch daherkommen, dass die Katastrophe von 1940 nicht aufhörte, ihn anzuspornen, aus der Wiederherstellung der Kraft und des Einflusses seines Landes seine Lebensaufgabe zu machen, zumal seine eigenen britischen und amerikanischen Verbündeten ihm selber und Frankreich in und nach dem Kriege nicht ohne eine gewisse Geringschätzung begegnet sind. Ein Europa ohne Frankreich, ein Frankreich unter fremder Vormundschaft kann de Gaulle sich nicht vorstellen; dass ferne Mächte wie Amerika und Russ­land und das an seine überseeischen Interessen mehr als Europa gefesselte England sich 1945 anheischig machten, nach errungenem Sieg die Angelegenheiten Europas ohne Frankreich zu ordnen, hat die ganze Widerborstigkeit seines unbeugsamen Charakters angespornt.

«Preussen 1806 und Frankreich 1940 sind echte kriegsgeschichtliche Parallelfälle»

Im Zweiten Weltkrieg hat sich de Gaulle von London, Algier und endlich von Paris aus bewusst auf die politische Führung, die auch die Kriegführung bestimmt, konzentriert und die militärischen Operationen durch seine Generäle ausführen lassen. Aber zwischen den beiden Weltkriegen war er in Widerspruch zu den Auffassungen der französischen Militärhierarchie geraten, die nach seiner Meinung nicht nur veraltet und daher im Kriegsfall wenig aussichtsreich waren, sondern auch nicht im Einklang mit der französischen Aussenpolitik standen. Die Geisteshaltung und die strategische Doktrin eines Marschalls Pétain und der älteren französischen Generäle blieben, was sie zwischen 1914 und 1918 gewesen waren – sie ruhten gleichsam auf ihren Lorbeeren aus, nicht anders als die preussischen Generäle nach Friedrichs des Grossen Tod, bis sie mit ihren ehemals bewährten, aber veralteten Mitteln der Kriegführung in Jena gegen Napoleon unterlagen. Preussen 1806 und Frankreich 1940 sind echte kriegsgeschichtliche Parallelfälle. Nichts war dem modernen technischen und taktischen Denken de Gaulles konträrer als die abwartende Defensivhaltung, die sich im Bau der Maginotlinie ausdrückte. Er war überzeugt, dass dem Bewegungskrieg die Zukunft gehöre, und er hat, fast gleichzeitig wie deutsche Theoretiker, in seinem Buch «Vers l'armée de métier» (1934) dem Einsatz von selbständig operierenden Panzerverbänden das Wort geredet. Der in der Schlacht um Frankreich 1940 offen ausbrechende Konflikt zwischen de Gaulle und den alten militärischen Führern geht auf seine jahrelang gepredigten, von diesen unwirsch verworfenen Auffassungen zurück, was de Gaulle gestattete, von London aus die Niederlage auf das Versagen, die Uneinsichtigkeit, die Mängel des französischen Oberkommandos und seiner Methoden zurückzuführen.
Im März 1935 machte unter dem Einfluss von de Gaulles Schriften Paul Reynaud im französischen Abgeordnetenhaus einen vergeblichen Vorstoss des Sinnes, Frankreich müsse eine bewegliche Interventionskraft in Form von Panzerdivisionen aufstellen, da es sonst im Ernstfall seinen mittel- und osteuropäischen Verbündeten nicht zu Hilfe eilen könne. Den militärischen Teil seiner Rede hatte sich Reynaud von Oberst de Gaulle schreiben lassen. Die Besetzung der Tschechoslowakei durch Hitlers Wehrmacht und, nach Kriegsausbruch, die rasche Niederlage Polens erbrachten den Beweis, dass Frankreich zur Entlastung seiner osteuropäischen Verbündeten keinen Vorstoss nach Deutschland unternehmen konnte; aber selbst diese klaren Lektionen brachten das französische Oberkommando nicht mehr dazu, vor der deutschen Offensive im Westen seine Panzerwaffe und auch seine Panzer- und seine Luftabwehr in Ordnung zu bringen. In de Gaulles Urteil über den Oberkommandierenden von 1940, den General Weygand, kommt die Tiefe des Konfliktes zwischen zwei Generationen, zwischen zwei Welten zum Ausdruck: «Der Generalissimus», sagt er, «der von einer Strömung weggetragen wurde, die er zu beherrschen verzichtete, suchte den Ausweg, der ihm offenstand, nämlich die Kapitulation.»

«Wir haben eine Schlacht verloren, aber wir haben nicht den Krieg verloren»

Der Waffenstillstand vom Juni 1940 entsprang, davon war de Gaulle überzeugt, dem Fehlurteil von Männern, die die Niederlage verschuldet hatten. «Heute von der mechanischen Kraft niedergeschlagen», sagte de Gaulle am 18. Juni im Rundfunk von London, «werden wir in Zukunft mit einer überlegenen mechanischen Kraft siegen können. Hier liegt das Schicksal der Welt.» Es gehörte damals zu dieser Feststellung ein Glaube, der Berge versetzt, sich aber als Ausdruck eines weitblickenden, die militärischen und politischen Verhältnisse richtig einschätzenden Urteils herausstellte. Er wies auf den Kampfwillen und die fast unbeschränkten Mittel des britischen Reiches und der amerikanischen Industrie hin, die diese überlegene «mechanische Kraft» schaffen würden, während man sich in Vichy dem Traum eines raschen Friedensschlusses zwischen England und Deutschland hingab. Das von de Gaulle für ein Plakat geprägte Schlagwort der gaullistischen Propaganda aus London: «Wir haben eine Schlacht verloren, aber wir haben nicht den Krieg verloren», konnte sich auf gute Gründe stützen, ehe noch Russland und Amerika in den Krieg verwickelt wurden.

«Benesch: […] Die Entscheidung über Krieg und Frieden lag 1938 in meiner Hand. Aber ich habe im Zeitpunkt des Münchner Abkommens vorgezogen, nicht Krieg zu führen. Wenn ich mich für den Krieg entschieden hätte, hätte ich ihn gegen Frankreich und England führen müssen.
Sehr erstaunt frage ich: Warum?
Benesch: Wenn ich das Land militärisch verteidigt und die Unterstützung Russ­lands gehabt hätte, hätten Daladier und Chamberlain einen antibolschewistischen Kreuzzug gegen uns und gegen Russland geführt. Ich habe darauf verzichtet, denn in diesem Zeitpunkt riskierte Russland noch, geschlagen zu werden.
Frage: War Russland 1938 schwach?
Benesch: Ja, ziemlich schwach – jedenfalls schwächer als 1940 und 1941. Ich zog es vor, das Land zu opfern. Man musste warten. Es ist eine Tragödie. Die Westmächte wollten damals den Krieg und die Revolution vermeiden, und sie haben ihn schrecklicher und tiefer gehabt, als wenn sie Hitler aufgehalten hätten, als dazu noch Zeit war.»
Quelle: J.R. von Salis: Kriege und Frieden in Europa, S. 123/124

Auch diese Hinweise haben ihre Bedeutung für die aktuelle Politik de Gaulles. Einmal bestärkten sie ihn im Vertrauen auf seine eigene Urteilskraft, auf den gesunden Verstand, auf ein ehrenhaftes Verhalten. Zum andern bestärkten sie de Gaulle in der Meinung, dass angesichts der mangelhaften Kriegsbereitschaft Grossbritanniens in den ersten Kriegsjahren und der langen Neutralität der Vereinigten Staaten, die erst infolge des Angriffs der Japaner auf Pearl Harbour in den Krieg gerissen wurden, Frankreich eine genügende eigene Verteidigungskraft besitzen müsse, um möglichen Überraschungen gewachsen zu sein. Endlich gründet in diesen Erfahrungen die Überzeugung de Gaulles, dass nur ein Land, dessen Armee mit den modernsten Errungenschaften der militärischen Technik ausgerüstet ist, einige Aussicht hat, aussenpolitisch ernstgenommen zu werden.
Als de Gaulle 1958 wieder an die Spitze der französischen Regierung trat, hatte bereits ein früherer Ministerpräsident, Gaillard mit Namen, auf Anraten seines Generalstabschefs den Entschluss gefasst, eine eigene Nuklearmacht zu schaffen. Der General hat sie dann im Rahmen des Möglichen ausführen und erproben lassen, und es ist klar, dass ihm dabei die Erinnerung an die fehlende Panzerwaffe des vorigen Kriegsbeginns und an das verspätete Eingreifen der Verbündeten Frankreichs vorschwebten. Dem Einwand, dass Amerika über einen Bombenvorrat verfüge, neben dem die französische Nuklearmacht leicht wiege, begegnet de Gaulle mit der Bemerkung, man habe noch nie gehört, dass ein schwächerer Verbündeter nicht auch modernste Waffen besitzen könne, aber auch mit dem Argument, man könne von einem stärkeren, aber fernen Verbündeten vernünftigerweise nicht erwarten, dass er wegen eines Konfliktes in Europa seine eigenen Städte der Gefahr der Vernichtung aussetze. De Gaulle hat nie vergessen, dass Präsident Roosevelt 1940 den Hilferuf des Ministerpräsidenten Rey­naud recht schroff abgelehnt und nicht einmal auf vertraulicher Basis eine spätere Hilfe der Vereinigten Staaten in Aussicht gestellt hatte.
Von hier aus wird auch das Abseitsstehen des französischen Staatspräsidenten in der Frage des Nichtverbreitungsvertrages für Nuklearwaffen verständlich; ein solcher Vertrag würde nach seiner Meinung bloss aus der faktischen Doppelhegemonie der Sowjet­union und Amerikas, die die Teilung Europas einschliesst, eine vereinbarte und von den kleineren Staaten akzeptierte Befestigung eines politischen und strategischen Monopols machen. Nur das Versprechen dieser beiden Mächte, ihre eigene Atommacht abzubauen und mit ihrer Abrüstung ernst zu machen, könnte den Verzicht Frankreichs auf Nuklearwaffen rechtfertigen. Aussenpolitik und Strategie, Diplomatie und Kriegsbereitschaft stehen nach nie verleugneter Erfahrung in einem Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und bedürfen daher auch einer Abstimmung der Verteidigungsmittel auf die aussenpolitischen Interessen eines Staates.

«Frage des Rheins als eine Angelegenheit von den Deutschen und Franzosen»

Nicht minder als in den Fragen der Strategie und der Kriegstechnik kann man die Kontinuität und Folgerichtigkeit von de Gaulles Auffassungen auch auf dem Felde der europäischen Politik verfolgen. Im dritten Band seiner Kriegserinnerungen steht ein Bericht über sein Gespräch mit Harry Hopkins, dem Sonderbotschafter des Präsidenten Roosevelt, der den damaligen Chef der französischen Regierung an einem der letzten Januartage 1945, am Vorabend der Konferenz von Jalta, in Paris aufsuchte. De Gaulle machte seinem Besucher einen Vorwurf daraus, dass Amerika die Geschicke Europas in Abwesenheit Frankreichs regeln wolle; das sei um so unverständlicher, als man sich hernach des Einverständnisses von Paris werde versichern müssen. Hopkins habe das nicht bestritten und auf die Mitwirkung Frankreichs in der Londoner «Europäischen Kommission» hingewiesen; ferner habe er bemerkt, die Vereinigten Staaten seien geneigter als die beiden andern Verbündeten, die Frage des Rheins im Sinne Frankreichs zu lösen. De Gaulle erwiderte nicht ohne Vehemenz: «Zu diesem letzten Punkt bemerkte ich, dass die Frage des Rheins nicht von Amerika, ebensowenig wie von Russland und von Grossbritannien geregelt würde. Diese Lösung, wenn es eine gäbe, könnte eines Tages nur von Frankreich oder von Deutschland getroffen werden. Beide hatten sie lange Zeit gegeneinander gesucht. Morgen würden sie sie vielleicht finden, indem sie sich zusammenschlössen.»
Weitblick und Stolz sprechen aus diesen Worten. Weitblick, indem der französische Regierungschef, noch ehe die alliierten Truppen den Rhein überschritten und die Kapitulation der deutschen Wehrmacht erzwungen hatten, trotz allem Schmerz und Groll, den das Kriegs- und Besetzungserlebnis in französischen Gemütern zurückgelassen hatte, die Frage des Rheins als eine Angelegenheit betrachtete, die in Zukunft von den Deutschen und Franzosen, wenn möglich gemeinsam, geregelt werden müsse. Stolz, weil ein Staatsmann dieses Erdteils es trotz den herrschenden Machtverhältnissen nicht zulassen konnte, dass Amerikaner, Russen und Engländer sich anheischig machten, ohne Mitwirkung der am unmittelbarsten beteiligten Völker Europas Fragen zu regeln, die im besondern Falle in erster Linie zwei bedeutende Nationen, Franzosen und Deutsche, betrafen.
Was de Gaulle damals und seither an den Konferenzen von Jalta und Potsdam aussetzte, war nichts anderes als dieser Versuch überseeischer Mächte, im Verein mit Sowjetrussland die Zukunftsfragen Europas zu regeln und dabei das Mittel der Einflusszonen anzuwenden. Zwar konnte er zufrieden sein, dass bei der Besetzung Deutschlands und Österreichs nach Massgabe der Beteiligung der Ersten Französischen Armee am Feldzug in Süddeutschland Frankreich eine der vier Besatzungszonen zugesprochen erhielt, auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen neben Amerika, England, Russland und China einen der fünf ständigen Sitze einnahm, desgleichen im Interalliierten Rat, der nach den Potsdamer Beschlüssen für die Verwaltung Deutschlands zuständig war, einen Vertreter hatte. Das hielt ihn und hält ihn auch heute nicht davon ab, mit Nachdruck die Selbstverantwortung und Selbständigkeit der europäischen Völker und Staaten, sowohl Amerika als auch Russland gegenüber, als das eigentliche und notwendige Ziel französischer und europäischer Politik zu betrachten. Als am 11. September 1945 der in Potsdam geschaffene Rat der vier alliierten Aussenminister in London zusammentreten sollte, erklärte de Gaulle tags zuvor in einem Interview der Londoner «Times»: «Holland, Belgien, Italien, Westdeutschland, normalerweise die Iberische Halbinsel und auch andere Länder streben naturgemäss nach einer wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit mit Frankreich und England. Wenn dieser historische Faktor vernachlässigt würde, wäre das eine Quelle der Beunruhigung in Europa […]. Als demokratische Mächte müssen Frankreich und England, aber ebenso ihre nächsten Nachbarn unter den übrigen Nationen die Traditionen hochhalten, die ihnen einen besondern und übrigens fühlbar analogen Charakter verleihen.»

«Benesch berichtete zuerst über ein Gespräch, das er am 28. Mai 1939 mit dem Präsidenten Roosevelt im Weissen Haus geführt hat. Er sprach langsam und eindringlich, so dass ich mir diesen Dialog unschwer einprägen konnte.

Benesch: Es wird Krieg geben.
Roosevelt: Wann?
Benesch: An irgendeinem Tag nach dem 15. Juli.
Roosevelt: Gegen wen wird sich der Angriff richten?
Benesch: Gegen Polen.
Roosevelt: Wie lange wird der Krieg dauern?
Benesch: Nach zwei Wochen werden die Deutschen vor Warschau stehen, in sechs Wochen wird der Feldzug beendet sein.
Roosevelt ist erstaunt. Er fragt: Wie können Sie das wissen?
Benesch: Weil ich die Polen kenne, und weil ich die Deutschen kenne.
Roosevelt: Und dann?
Benesch: Die Deutschen werden Holland, Belgien und wahrscheinlich die Schweiz angreifen. Sie können das nicht vermeiden, wenn sie den Krieg nach Frankreich und nach England tragen wollen. England wird Widerstand leisten. Aber Russ­land wird in den Krieg gezogen werden.
Roosevelt: Wie wird der Krieg gegen Russland verlaufen?
Benesch: Die Deutschen werden es nicht besiegen können. Sie werden vielleicht bis zum Ural vorrücken, aber sie werden Russland nicht besiegen können.
Roosevelt: Und die andern Länder?
Benesch: Die Vereinigten Staaten werden auch in den Krieg verwickelt werden.
Roosevelt: Warum?
Benesch: Weil sich England auf die Dauer nicht wird halten können und die amerikanische Unterstützung nötig haben wird. Wenn Amerika zulässt, dass die Deutschen England besiegen, wird Deutschland auch Amerika angreifen.»
Quelle: J.R. von Salis: Kriege und Frieden in Europa, S. 122/123

«Es wäre mit Europa aus gewesen, wenn Frankreich beim Sieg nicht dabei gewesen wäre»

De Gaulle hob in dem Zeitpunkt, da Osteuropa unter kommunistische Herrschaft geriet, den «demokratischen» Charakter der westeuropäischen Völker hervor, was in Frankreich die Kommunisten erzürnte, deren Zeitung mit Balkenschrift druckte: «Westlicher Block? Nein!» Ein Jahr vor Churchills Rede in Zürich hat der französische Regierungschef der Idee einer Verständigung und Zusammenarbeit der westeuropäischen Völker das Wort gesprochen und dabei «Westdeutschland» ausdrücklich als Partner einbezogen. Warum nur Westdeutschland? Doch wohl, weil ein politischer Kopf schon im Jahr der Konferenzen von Jalta und Potsdam erkennen konnte, dass die sowjetische Besatzungszone auf lange Frist vom übrigen Deutschland abgetrennt leben würde. Obgleich in späteren Jahren die Bewegung für ein Vereinigtes Europa andere Wege eingeschlagen hat, als sie de Gaulle vorschwebten, ist er in einem echten, das heisst historischen, kulturellen und freiheitlichen Sinn Europäer. Als er wenige Wochen nach Kriegsende das in Trümmern liegende Stuttgart besuchte, «fühlte er, wie sich sein Herz als Europäer zusammenzog». Hernach, in Freiburg, erinnerte er an die «Bande, die einst die Franzosen und die Süddeutschen einander nahebrachten und die jetzt wieder erscheinen müssen, um unser Europa und unser Abendland zu bauen». Belgische Staatsmänner versicherten ihm damals, «dass es mit Europa aus gewesen wäre, wenn Frankreich beim Sieg nicht dabei gewesen wäre».
Nicht für de Gaulle allein, auch für die ­Politik der Vierten Republik, die zwischen 1946 und 1958 ohne Mitwirkung von Charles de Gaulle geführt wurde, ist es bezeichnend, dass sie mit der Bundesrepublik Deutschland in ein engeres Verhältnis trat als mit Grossbritannien. Zur Zeit der Invasion Frankreichs durch die Anglo-Amerikaner im Juni 1944 schleuderte Churchill in einer der heftigen Auseinandersetzungen, die er mit de Gaulle hatte, diesem die Worte entgegen: «Sie müssen wissen, dass jedesmal, wenn wir die Wahl haben zwischen Europa und dem Meer, wir uns immer für das Meer entscheiden werden. Jedesmal, wenn ich zwischen Ihnen und Roosevelt zu wählen habe, werde ich mich für Roosevelt entscheiden.» De Gaulle berichtet in seinen Memoiren, dass er 1945 versucht habe, Churchill für die Idee Europas zu gewinnen, und dabei gescheitert sei. Sie hätten zum Schluss sich dahin geeinigt, dass England eine Insel, Frankreich ein Vorposten eines Kontinentes und Amerika eine andere Welt seien.
Mittlerweile haben die Beziehungen Grossbritanniens zu Frankreich und zu Europa verschiedene Schwankungen durchgemacht; in dem historisch, geographisch und wirtschaftlich tiefverwurzelten Insularismus der Engländer ist nach Kriegsende kaum eine Wendung eingetreten. Die von Attlee angeführte Labour-Regierung, die seit Juli 1945 an der Macht war, verweigerte ihre Mitwirkung den Plänen eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses der westeuropäischen Länder. Der von Robert Schuman ins Leben gerufenen Kohlen- und Stahlgemeinschaft ist England nicht beigetreten. Churchill hat wohl als Führer der konservativen Opposition von 1946 an in weithin wirkenden Reden einem Vereinigten Europa das Wort gesprochen; aber als er in den 1950er Jahren von neuem Premierminister war, hat er die Mitwirkung Englands an der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgelehnt, noch ehe das französische Parlament sie ebenfalls verwarf. Auch dem vor zehn Jahren unterzeichneten Vertrag von Rom, der die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft schuf, hatte England seine Zustimmung versagt. Aber am 14. Januar 1963 war es Präsident de Gaulle, der in seiner berühmten Pressekonferenz den Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und der Europa-Kommission in Brüssel ein Ende bereitet hat; seine Erklärungen reizten in der Form mehr als in der Sache zum Widerspruch. Diese Verhandlungen hatten nach vielen Monaten für die wesentlichen Fragen der Commonwealth-Präferenzen und des gemeinsamen Agrarmarktes zu keiner Lösung geführt; die beteiligten Unterhändler hatten den Eindruck, dass sie nach weiteren Wochen oder Monaten im Sande verlaufen wären.

«Das hielt ihn und hält ihn auch heute nicht davon ab, mit Nachdruck die Selbstverantwortung und Selbständigkeit der europäischen Völker und Staaten, sowohl Amerika als auch Russland gegenüber, als das eigentliche und notwendige Ziel französischer und europäischer Politik zu betrachten.»
Quelle: J.R. von Salis: Kriege und Frieden in Europa, S.240

«Mit dem Westen oder dem Osten zusammenarbeiten […], ohne jemals irgendeine Abhängigkeit zu akzeptieren»

Die Brüsseler Europa-Kommission hatte in ihrem Gutachten zu dieser Frage die Notlage der englischen Wirtschaft, die Überalterung ihrer Strukturen und Gepflogenheiten, das andauernde Defizit der Handelsbilanz, die Schwäche der inzwischen abgewerteten Pfundwährung und die Schwierigkeit für England, der Agrarordnung der EWG beizutreten, hervorgehoben. Nach französischer Meinung sollte Grossbritannien zuerst sein Haus auskehren und eine radikale Reform seiner Wirtschaft und Politik durchführen, da die Gemeinschaft der Sechs noch nicht genügend stark sei, um die enormen Lasten und Rückstände der englischen Wirtschaft auf ihre Schultern zu laden. Die Gemeinschaft selbst habe noch einige Probleme zu lösen. Überdies waren zweifellos politische Motive massgebend für das britische Beitrittsgesuch, indem die enge deutsch-französische Zusammenarbeit die britischen Politiker erkennen liess, dass ihr Land durch langes Abseitsstehen viel von seinem Einfluss in Europa und seine alte Schiedsrichterrolle eingebüsst hatte.
Ein Ausspruch in de Gaulles Memoiren, der für moderne Ohren seltsam klingt, ist oft zitiert worden: Damit Europa sein Gleichgewicht und einen dauernden Frieden finden könne, sagt er, müssten sich «die Slawen, Germanen, Gallier und Lateiner» zusammenschliessen. Auch die Formel von einem «Eu­ropa vom Atlantik bis zum Ural» ist so alt wie seine Kriegsreden. De Gaulle hat immer beide Möglichkeiten erwogen, diejenige einer engeren Anlehnung an Amerika oder an Russland, und auch dafür steht der Satz aus dem letzten Memoirenband: er wolle «mit dem Westen oder dem Osten zusammenarbeiten, im Bedarfsfall mit der einen oder der anderen Seite die nötigen Bündnisse schliessen, ohne jemals irgendeine Abhängigkeit zu akzeptieren». Als ihn Präsident Kennedy, ehe er in Wien mit Chruschtschow zusammentraf, Anfang Juni 1961 im Elysee-Palast besuchte, erklärte ihm de Gaulle, die Nato sei als eine Koalition unabhängiger Staaten annehmbar, aber wenn Amerika und England aus ihr ein Instrument zur Beherrschung Europas machen wollten, müsse man Widerstand leisten. Die Nato sei sowohl ein Bündnis als auch eine Organisation; das Bündnis sei unbestritten, die Organisation sei veraltet, eine unter amerikanischem Kommando integrierte Verteidigung sei nicht mehr annehmbar. Denn einerseits besitze Washington nicht mehr das Monopol der Nuklearwaffen, was den Wert des amerikanischen Atomschirms vermindere, andererseits habe sich Europa vom Kriege erholt und seinen Selbständigkeitswillen bekundet und endlich habe Amerika Verpflichtungen in andern Weltteilen auf sich genommen. Das amerikanische Kommando habe bereits die Schwelle des atomaren Gegenschlages erhöht, das heisst den Zeitpunkt hinausgeschoben, zu dem die Nuklearwaffen in Aktion treten würden. Diese Ansichten wurden von Adenauer geteilt, der sich in ähnlichem Sinne mit Kennedy besprochen hat. Die Kuba-Krise von 1962 bestärkte de Gaulle in der Meinung, dass Europa für die Amerikaner nur ein sekundäres Interesse besitze, und über allem stand und steht de Gaulles Überzeugung, dass eine zu enge Bindung Westeuropas an den Atlantik aus der Teilung unseres Kontinents einen endgültigen Zustand machen würde. Mittlerweile ist Frankreich aus der integrierten Nato-Organisation ausgetreten.
Kennedys Interesse für de Gaulle, schreibt einer seiner Biographen, habe sich nie abgeschwächt; er sei «einer seiner Helden» gewesen. An der auf seine einlässlichen Unterredungen mit de Gaulle folgenden Pressekonferenz in Paris hat Präsident Kennedy bekannt, dass die Politik der Jahre 1945 bis 1950 nicht mehr den Bedürfnissen der 1960er Jahre «adäquat» sei. Der Kampf habe sich überdies auf die südliche Hälfte der Erdkugel verlagert, wo nicht mächtige Armeen, wohl aber Subversion, Aufruhr und Verzweiflung zu fürchten seien. Die Stunde sei gekommen, «einen vereinbarten Angriff gegen die Armut, Ungerechtigkeit und Unterdrückung» in der unterentwickelten Welt zu führen.
Dieser Gedanke war zweifellos de Gaulle aus dem Herzen gesprochen, der gegen innere Widerstände die Hilfe an die unterentwickelte Welt als eines der Ziele der französischen Politik betrachtet. Vielleicht ist die Person des Generals nirgends populärer als in Afrika, Asien und sogar in Südamerika, indem er durch seine radikale Entkolonisierungspolitik und seinen – ebenfalls gegen den erbitterten Widerstand der französischen Extremisten und Militärs durchgesetzten – Frieden mit Algerien den Beweis erbrachte, dass Frankreich endgültig auf seinen Imperialismus verzichtet hat.

Recht der Selbstbestimmung für Länder Südostasiens und Algerien

Die Vereinigten Staaten hatten 1945 das Erbe des japanischen Imperiums im Pazifik und in Ostasien übernommen. Mit andauernder Hartnäckigkeit verweigerten sie dem neuen China ihre Anerkennung, als ob dieses grosse Reich, das jahrzehntelang unter dem Schutz und in der Abhängigkeit von Amerika gelebt hatte, kein Recht hätte, seine Angelegenheiten selbst an die Hand zu nehmen. Dass dies im Gewand eines kommunistischen Regimes geschah, ändert nichts an der Tatsache, dass China 1949 den Weg zu einer unabhängigen Gestaltung seines Schicksals als künftiger Grossmacht beschritten hat. Die diplomatische Anerkennung der Regierung von Peking durch Frankreich, so gering ihre unmittelbaren Vorteile sein mögen, geschah zweifellos aus der Sorge, sich nicht von Amerika in ostasiatische Verwicklungen und vielleicht in einen fernöstlichen Krieg hineinziehen zu lassen. In seiner Rede in Pnom Penh verurteilte de Gaulle den Krieg in Vietnam mit scharfen Worten, und obgleich er wiederholt bekannt hat, dass Frankreich gegenwärtig nichts zu seiner Beilegung tun könne, lag ihm daran, jegliche Mitverantwortung an der amerikanischen Intervention in Südostasien abzulehnen und für diese Länder das Recht der Selbstbestimmung zu verlangen – wie es Frankreich selbst im Genfer Abkommen von 1954 für Vietnam, Laos und Kambodscha und im Abkommen von Evian von 1962 für Algerien getan hatte.
Damit in engstem Zusammenhang stehen offensichtlich die Bemühungen de Gaulles, sich mit der Sowjetunion und den andern osteuropäischen Staaten zu verständigen und einen Beitrag zur Entspannung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und ihren östlichen Nachbarn zu leisten. Ihm geht es darum, dass Europa nicht in den Sog der Gefahren gerät, denen die amerikanische Innen- und Aussenpolitik ausgesetzt ist. Neben dem ungeheuren Machtaufstieg der Vereinigten Staaten geht eine innere Entwicklung einher, die nichts Gutes verheisst, und die Machtentfaltung selbst könnte zu Verwicklungen im Umkreis von Südamerika, dem Pazifik und Ost­asien führen, die sich in irgendeiner Form in Europa auswirken müssten. Es ist unverkennbar, dass Amerika diejenigen Etappen seiner Geschichte durchläuft, die die europäischen Mächte zur Zeit ihrer eigenen vermessenen Eroberungs- und Weltmachtpolitik hinter sich gebracht haben.

Mit der UdSSR: «Entspannung, Verständigung, Zusammenarbeit»

Wenn de Gaulle schon immer für die Unabhängigkeit eines mit sich selbst versöhnten, zu friedlicher Zusammenarbeit entschlossenen Europa, das weder von Amerika noch von Russland beherrscht wird, eingetreten ist, erscheint ihm angesichts der Gefahren, denen der Weltfrieden ausgesetzt ist, die Überwindung der Spaltung Europas besonders dringlich. Es geht ihm um die Rettung des Friedens in Europa, wenn sich in Asien der Krieg in Vietnam ausdehnen sollte, und kein anderes Ziel verfolgt er, wenn er zur Überwindung des Grabens, der West- und Ost­europa so lange voneinander getrennt hat, der Sowjet­regierung eine Politik in drei Stufen vorschlägt: «Entspannung, Verständigung, Zusammenarbeit.» Bei diesem Bemühen erscheint ihm die deutsche Frage als das zentrale Problem, und er bleibt auch seiner Auffassung von der Nation als der Wurzel alles politischen Lebens treu, wenn er in der Überwindung der deutschen Spaltung, in der Vereinigung der beiden bestehenden Staatswesen zu einem einzigen Nationalstaat, den Schlüssel zu der grossen Gemeinschaft der slawischen, germanischen und romanischen Völker Europas zu erkennen glaubt. Zweifellos ist eine solche Politik noch sehr weit von ihrem Ziel entfernt, denn sie verlangt nach de Gaulles Auffassung von beiden Seiten Opfer: von der russischen und polnischen Seite das Opfer ihrer Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung, von der deutschen Seite das Opfer ihres Verzichtes auf die Gebiete östlich der Oder und der Neisse.
Eigentümlich an de Gaulles Reden, ob er sie in Bonn, Moskau oder Warschau hält, ist die Tatsache, dass sie in kurzen Fristen nicht zum Erfolg führen können und sogar die Gegensätze hervorheben, die zwischen de Gaulles Europa-Vision und den festgeronnenen Standpunkten der bundesdeutschen, polnischen und sowjetischen Politik klaffen, dass man aber trotzdem hüben wie drüben den Propheten eines grösseren und friedfertigen Europa mit einer Mischung von Unbehagen und Zustimmung anhört und bemüht ist, sich seiner Freundschaft zu versichern. Das hängt damit zusammen, dass man überall nach einer Alternative für die bisherige Politik der zwei feindlichen Blöcke sucht und dass infolge der überseeischen und ostasiatischen Konfliktherde diese Alternative nur in einer von Frankreich geförderten oder vermittelten Verständigung zwischen Deutschland und Russland bestehen kann. De Gaulle selbst hat in seinen Reden in Polen klargemacht, dass der Unabhängigkeit, die Frankreich für sich und Westeuropa von der amerikanischen Vorherrschaft anstrebt, eine ähnliche Unabhängigkeit von der russischen Hegemonie auf der andern Seite unseres Kontinents entsprechen sollte.

«[…] er wolle ‹mit dem Westen oder dem Osten zusammenarbeiten, im Bedarfsfall mit der einen oder der anderen Seite die nötigen Bündnisse schliessen, ohne jemals irgendeine Abhängigkeit zu akzeptieren›. Als ihn Präsident Kennedy, ehe er in Wien mit Chruschtschow zusammentraf, Anfang Juni 1961 im Elysee-Palast besuchte, erklärte ihm de Gaulle, die Nato sei als eine Koalition unabhängiger Staaten annehmbar, aber wenn Amerika und England aus ihr ein Instrument zur Beherrschung Europas machen wollten, müsse man Widerstand leisten. Die Nato sei sowohl ein Bündnis als auch eine Organisation; das Bündnis sei unbestritten, die Organisation sei veraltet, eine unter amerikanischem Kommando integrierte Verteidigung sei nicht mehr annehmbar.»
Quelle: J.R. von Salis: Kriege und Frieden in Europa, S. 242

Ein wahrhaft weitreichendes Bestreben, das sich indessen auf gewisse Lockerungserscheinungen in den Bündnisblöcken im Westen wie im Osten berufen kann und überdies von der Hartnäckigkeit zeugt, mit der sich der General seit Jalta gegen die Teilung Europas in Besatzungszonen und Interessensphären der beiden Supermächte aufgelehnt hat. Aber sogar diese Supermächte können infolge des Aufstiegs einer dritten Supermacht in Ostasien, auch infolge anderer Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, endlich infolge der Erholung und des Selbständigkeitsdrangs der europäischen Staatenwelt sich eines Tages gezwungen sehen, eine Machtstellung abzubauen, die die unmittelbare Folge ihres gemeinsamen Sieges von 1945 und der Schwäche Europas war.

«De Gaulles Denken nahm künftige Entwicklungen vorweg»

Wie 1940 kann man auch 1968 sagen, dass es eines Glaubens bedarf, der Berge versetzt, um von einer Entwicklung zu sprechen, die die grosse Heerstrasse eines friedlichen Einvernehmens freilegen würde, die von Paris über Bonn, Berlin und Warschau nach Moskau führt. Aber wie damals ist diese Art Glauben nicht blind, er entspricht nicht einer zur Utopie neigenden Geisteshaltung; die Argumente, auf die er sich stützt, gründen in der historischen Vernunft, in einer die «Politik der Blöcke» ablehnenden Bewertung der politischen Gegebenheiten, kurz, in der Erfahrung und der Nutzung vorhandener Möglichkeiten. Es ist nur zu gut bekannt, dass de Gaulle sein Leben lang mit seinen Ansichten Anstoss erregt hat, weil sie im Widerspruch zu den landläufigen Vorurteilen, zu den konventionellen Auffassungen und formalistischen Standpunkten, das heisst zu allem standen, was aus dem Beharrungsvermögen überholter Meinungen und aus der menschlichen Geistesträgheit stammt. Als Hitlers Armeen halb Europa beherrschten, die Engländer sich auf ihre Insel zurückgezogen hatten und ohne namhafte militärische Machtmittel allein standen, kam den Zeitgenossen der Aufruf de Gaulles vom 18. Juni 1940 lächerlich vor. Vier Jahre später gaben ihm die Ereignisse recht.
Charles de Gaulle, könnte man sagen, ist bei seiner das Gewöhnliche so sehr missachtenden Haltung dazu verurteilt gewesen, oder er hat sich selber dazu verurteilt, mit seinen Aussprüchen und Stellungnahmen die Zeitgenossen zu schockieren. Mehr als einmal hat sich herausgestellt, dass dieser Schock daherrührte, dass er nicht einem tagespolitischen Denken entsprang, sondern einem solchen, das künftige Entwicklungen vorwegnahm. Einer seiner Biographen nennt den General de Gaulle einen politischen Pädagogen. Er hat zweifellos versucht, Wahrheiten zu lehren, die nicht die landläufigen und kurzfristigen waren. Damit ist die Gefahr verbunden, dass er zu früh recht hat oder von den Ereignissen widerlegt wird. Ein solcher Mann muss Zähigkeit und Geduld, auch Härte gegen sich und andere haben, was zur Folge hat, dass er immer wieder anstösst, ehe die andern nachträglich entdecken, dass seine Lehren vielleicht nicht so falsch waren, wie es unter ihrer ersten Schockwirkung den Anschein hatte. Bei der Lektüre von de Gaulles Werken und Reden stösst man auffallend oft auf Ausdrücke wie «le fond des choses» (der Grund der Dinge), «la nature des choses» (die Natur der Dinge), und diese Wiederholungen sagen etwas über die Geisteshaltung ihres Urhebers aus. Tagespolitiker gehen in unserer hastigen Zeit selten auf den Grund der Dinge, und ihre üblichen Auskunftsmittel tragen der Natur der Dinge nicht immer Rechnung. Man ist es nicht gewohnt, dass ein philosophischer und pädagogischer Kopf ein hohes Staatsamt bekleidet und es zur Gestaltung der Geschicke seines und anderer Völker zu benützen versucht.

«Die Gemeinschaft der Sechs wurde dank de Gaulle kein atlantischer Brückenkopf»

In erster Linie hat General de Gaulle naturgemäss in die Geschicke Frankreichs eingegriffen. Seine Haltung im Kriege hat ihn in einen Gegensatz zu der konservativen Bourgeoisie gebracht, die nach der Befreiung auch seinen Reformeifer mit scheelen Augen betrachtete. Selber in alten Traditionen wurzelnd, war er ein moderner Verstand, der für die Probleme und Bedürfnisse einer sich wandelnden Welt einen wachen Sinn hatte. Er wollte seinem Land moderne Strukturen geben; er verstaatlichte wesentliche Wirtschaftszweige, wie die Energiequellen, den Verkehr, die Automobil- und Flugzeugindustrie, den Kredit usw., und aus der Zeit nach der Befreiung stammt die Wirtschaftsplanung, die in engem Zusammenwirken zwischen Staat und Privatwirtschaft grosse Rückstände aufzuholen unternahm. Dieses Werk des technischen, industriellen, landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritts hat er nach seiner Rückkehr an die Macht 1958 mit Energie, unterstützt von einer hochspezialisierten Beamtenschaft, von neuem an die Hand genommen. In die gleiche Richtung weist die Konstruktion des Gemeinsamen Marktes, der zunächst zu einer wirtschaftlichen Integration Westeuropas führte und mit einer Abwendung Frankreichs von seinem überlieferten Protektionismus und dem Bekenntnis zum Freihandel verbunden ist. Im Gefolge der Ereignisse und unter dem Einfluss der gaullistischen Politik ist die Gemeinschaft der Sechs nicht ein atlantischer Brückenkopf geworden; sie hat sich zu einer autonomen und freien europäischen Gemeinschaft entwickelt. Endlich hat die Fünfte Republik dem Staate stabile Institutionen und der Regierung eine grössere Unabhängigkeit von den Schwankungen des parlamentarischen Lebens verschafft. Allerdings dürfte diese Stabilität nicht wenig damit zu tun haben, dass die überragende Persönlichkeit des Staatspräsidenten die Regierungsmaschine fest in ihren Händen hält.
Unabhängige Beobachter des Pariser Geschehens glauben nicht, dass Frankreich, wenn einmal der General von der Bühne abgetreten ist, zu den Gepflogenheiten und der Politik der Vierten Republik zurückkehren wird. Sie sind der Meinung, dass die grossen Richtlinien der Politik de Gaulles von Dauer sind, zumal sie den Interessen Frankreichs angemessen und keineswegs unpopulär sind. Die gaullistische Politik habe in den Massen Fuss gefasst, so dass mit ihrem Verschwinden nicht so bald zu rechnen sei.
Insbesondere die neue Politik gegenüber Russland und Osteuropa ist in den weitesten Kreisen des französischen Volkes ­populär, und wenn infolge künftiger Wahlen die Linke mit Hilfe der Kommunisten an die Macht kommen würde, wäre erst recht nicht mit einer Abkehr von der Verständigung mit Moskau und Warschau zu rechnen. Aber auch ein bürgerlicher Nach-Gaullismus wird diese Verständigung zu fördern trachten. Eine Änderung der französischen Haltung gegenüber der Nato ist nicht zu erwarten, selbst wenn das Verhältnis zu Amerika sich wieder bessern sollte. Dass aber Gefahren nicht nur von Osten, sondern auch von Westen drohen könnten, ist infolge der amerikanischen Interventionen in Ostasien und anderswo vielleicht das eigentliche neue Moment in der öffentlichen Meinung Frankreichs, das die Amtszeit de Gaulles zweifellos überdauern wird. Die Frage des Beitritts Grossbritanniens zum Gemeinsamen Markt wirft in der französischen Öffentlichkeit keine grossen Wellen; die Verständigung mit Deutschland billigt sie, da sie im Interesse des Landes und des Friedens liegt. Zusammenfassend ist die Feststellung gestattet, dass die Persönlichkeit des Generals de Gaulle eine Prägungskraft besitzt, die über die Zeit seines politischen Wirkens hinaus tiefe Spuren im Leben und Denken Frankreichs hinterlassen wird.    •

Quelle: J. R. von Salis, Kriege und Frieden in Europa,Kapitel: «General de Gaulle. Analyse eines Phänomens. Januar 1968», S. 230ff.

Jean-Rodolphe von Salis

Jean-Rodolphe von Salis (1901–1996), war Historiker, politischer Publizist und Schriftsteller. Von 1925 bis 1935 lebte er in Paris und arbeitete unter anderem als Korrespondent für die Schweizer Zeitungen «Der Bund» und Die Weltwoche. Von 1935 bis 1968 war er als ordentlicher Professor für Geschichte in französischer und deutscher Sprache an der ETH tätig.
Eine Würdigung seiner Tätigkeit als Verfasser der «Weltchronik» erfolgt in einer späteren Ausgabe von Zeit-Fragen.

Auszeichnungen

Jean-Rodolphe von Salis erhielt den Literaturpreis der Stadt Bern, den Aargauer Literaturpreis, die Friedrich-von-Schiller-Medaille, den Kulturpreis der Stadt Zürich und denjenigen des Kantons Graubünden, den Preis der Académie française, das Grosse Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Er war Offizier der Französischen Ehrenlegion, trug das Grosse Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland und war Ehrendoktor der Universitäten Genf, Wien, Hamburg und Lausanne.

Werke

Rainer Maria Rilkes Schweizer Jahre. Frauenfeld 1936
Weltgeschichte der neuesten Zeit. 3 Bände. Zürich 1951–60
Im Laufe der Jahre. Zürich 1962
Weltchronik 1939–1945. Radiokommentare während des 2. Weltkrieges. 1964
Schwierige Schweiz. Sammlungen von Reden und Essays. Zürich 1968
Geschichte und Politik, Zürich 1971
Grenzüberschreitungen. Lebensbericht. 2 Bände, Zürich 1975/78
Notizen eines Müssiggängers. Zürich 1983
Innen und Aussen. Notizen 1984–1986, Zürich 1987
Kriege und Frieden in Europa. Politische Schriften und Reden 1939–1988. Zürich 1989
Letzte Aufzeichnungen. Zürich 1994

 

Kriege und Frieden in Europa. Politische Schriften und Reden 1939–1988. Zürich 1989. ISBN 3-280-01921-4