Das Land, das nichts produzierte

von Benito Perez

Der industrielle Sektor wird in der Schweiz immer mehr abgebaut. Die etwa 1100 Arbeitsplätze, die Novartis an seinen Standorten in Waadt und Basel aufzugeben beschlossen hat, betreffen in erster Linie Produktion und Forschung. Im Klartext: Der multilaterale Konzern gedenkt langfristig in der Schweiz nur seinen Sitz und einen Teil seiner Verwaltung zu behalten, mit der ausschliesslichen Absicht, in unserem Land seine steuerlichen und rechtlichen Interessen zu bewahren. Das Fehlen einer Industriepolitik in der Schweiz trägt weiterhin seine «Früchte». Der industrielle Sektor trägt heute nur noch einen Fünftel zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei, also halb soviel wie vor dreissig Jahren.
Als Spielball der Multis haben Bund und Kantone das Laisser-faire und die Gefälligkeit in den Rang der Wirtschaftspolitik erhoben. Sie stellen sich auf den Kopf, um den Konzernen in bezug auf Steuern und Reglemente zu gefallen, ohne je etwas als Gegenleistung zu verlangen. Heute kann Novartis trotz 20 Prozent Ertragsrendite zwei Industriestandorte auf den Müll werfen. Jedermann ist untröstlich, aber keiner rührt sich.
In wenigen Jahrzehnten wird die Schweiz die gesamte Industriekultur, das Wissen, die Erfahrung und die Fähigkeiten, die in anderthalb Jahrhunderten erworben und aufgebaut wurden, vernichtet haben. Dann wird sie nur noch einige Nischen mit hoher Wertschöpfung, z.B. in der Uhrenindustrie, besitzen. Dieser Abbau der nationalen Wirtschaft läuft heute scheinbar ohne allzuviel Reibung ab. Der Rückzug auf Finanzgeschäfte und Steuerdumping begann in einer Zeit des wachsenden Handels mit Gütern und Dienstleistungen und zunehmender sozialer Ungleichheit. Dies nützt vor allem den Bankkonti und der Hinterzimmertätigkeit der Spekulanten, und Spekulanten sind inzwischen viele von uns geworden.
Vom Ethischen her betrachtet, tut dieser Abbau, diese «Spezialisierung» im Herzen weh. Wirtschaftlich ist keine vernünftige Erklärung zu finden. Anderen Staaten mit hohen Löhnen wie Deutschland oder den nordischen Ländern gelang es, einen erstklassigen Produktionsapparat aufrechtzuerhalten. Die beunruhigende Ertragsrendite von Novartis beweist – absurderweise –, dass in der Schweiz gute Geschäfte gemacht werden können …
Politisch ist die Liquidation der Industrie-Kultur, der industriellen Erbschaft, unverantwortlich. Zahlreiche Länder haben von heute auf morgen die Folgen einer übertriebenen Einengung  ihres Sozialeinkommens teuer bezahlt. Die Wolken, die sich auf dem internationalen Finanzsektor auftürmen und das vorprogrammierte Ende des Bankgeheimnisses werden uns vielleicht bald daran erinnern.
Mit ihrer Entlassung zahlen mehr als tausend Arbeiter aus dem Waadtland und aus Basel-Land vorab für die Geldgier der Aktionäre von Novartis. Zweifelsohne werden die Arbeitsämter innerhalb von wenigen Monaten aus ihnen ausgezeichnete Vermögensverwalter machen … Sonst werden sie Zeit haben, über die Unanständigkeit ihrer ehemaligen Arbeitgeber zu meditieren. Kurz nach der Vorstellung des grandiosen Gewinns, die der «ausgezeichneten Leistung» der neu auf den Markt geworfenen Produkte zugeschrieben wurde, hat der Konzern die Entlassungen mit dem «wachsenden Druck auf die Preise» gerechtfertigt. In einem Land, wo die Pharma-Lobby die Arzneimittel zweimal teurer verkauft als in anderen Ländern, ist das wohl unverschämt.     •

Quelle: Le Courrier vom 26.10.2011
(Übersetzung Zeit-Fragen)