Maloja, die «Perle des Oberengadins» – ein Augenschein

bha. Das liebliche Maloja im Oberengadin zog von jeher Touristen an, die die Stille und Erholung suchten. Kein Skibetrieb, kein Nachtleben, kein Geschäftsrummel – all die Nachteile von St. Moritz blieben dem Feriengast in Maloja erspart. Zwei kleine Läden genügten für den täglichen Proviant, einige Restaurants boten erschwingliche Pizza, ein kleines Hotel, älter, aber sehr gemütlich, bot Unterkunft. Dazu einige wenige Ferienwohnungen.
All diese touristisch sehr wertvollen Dinge veränderten sich im Laufe der Jahre sehr schnell und oft sehr zum Nachteil für die Feriengäste, die im Engadin Erholung suchen.
Nicht nur für die Feriengäste, auch für die Einheimischen verändert sich Maloja sehr stark. Es wird geklagt, mit wem man auch spricht: mit der Coiffeuse, im Restaurant, mit den Angestellten, d.h. mit den «Verlierern».
Ein altehrwürdiges Hotel, das unter Denkmalschutz steht, wurde vor einigen Jahren von einem Ehepaar aus dem Aargau übernommen. Dazu einige Appartements und ein Restaurant. Das Hotelambiente wandelte sich sehr bald zu einem Nobelhotel, ebenso die Preise. Man sagt, der Besitzer trage die Nase sehr hoch. Ausgehend von diesem Hotelbesitzer wurden mindestens fünf grosse Appartementhäuser in Maloja erstellt, der Architekt ist ein Bruder eines in Maloja Ansässigen aus dem Bergell. Maloja fusionierte vor geraumer Zeit und gehört zur Gemeinde Stampa. Die Häuser mit den Ferienappartements stehen die überwiegende Zeit leer wie in anderen Ferienwohnungsgegenden auch. Blöcke in der Landschaft, riesig, doch es wird weiter gebaut. Der Unternehmer Pitsch aus St. Moritz bekommt die Bauaufträge.
Das Hotel Kulm wurde vor einiger Zeit geschlossen. Jetzt soll es wieder renoviert werden und einen grossen Wellnessbereich erhalten. Diesmal sind es italienische Besitzer. Das Hotel Lunghin wollte neu bauen. Es bekam keine Baubewilligung, solange bis es schliesslich an Pitsch aus St. Moritz verkauft wurde, der jetzt baut. Das kleine ältere Hotel wollte ebenfalls umbauen und ausbauen. Es erhält keine Baubewilligung, es sei faktisch enteignet, wie ein Kenner der Szene festhielt. Ein weiteres Hotel musste auf Garnibetrieb umstellen, weil der Koch und Besitzer überraschend jung gestorben war. Auch im kleinen älteren Hotel wurde die Küche geschlossen. An Nachmittagen ist auch der Restaurantbetrieb geschlossen, der zum Nobelhotel gehört. Langläufer, die sich dort gerne  aufwärmten und einen Kaffee tranken, sind nun faktisch ins Nobelhotel gezwungen. Man hörte auch munkeln, dass der Nobelhotelbesitzer seine Angestellten für die geschlossene Zeit nicht bezahlt.
Im Gemeinderat sitze eine fest zusammenhaltende Gruppe, die vieles in der Hand hat. Diese bestimmen das Schicksal von Maloja, wird gesagt. Sozialisten und Grüne haben die Mehrheit.
Niemand weiss genau, was im Renesse-Haus vor sich geht. Früher waren dort Schulklassen aus dem Ausland untergebracht, sie lernten hier Ski fahren. Ein fröhliches Bild.
Manchmal ist Licht im Renesse-Haus, manchmal nicht, Ferienappartements?
Ende Mai dieses Jahres wird der «Volg» aufhören, er rentiert nicht. Warum nicht mehr, fragen wir uns. Weil der Besitzer des Hauses für die Miete einen so hohen Preis verlangt neuerdings. Dieser «Volg» ist im Privatbesitz des Hausbesitzers. Dann bleibt ein kleiner Laden in Maloja übrig. Wie lange? Die Post wird eh verwaltet aus Samedan, wahrscheinlich wird auch die Post verschwinden.
Ob man die Gesamtentwicklung gut oder negativ empfindet, hängt natürlich vom Standpunkt ab, den man einnehmen will. Doch so einfach ist die Beurteilung nicht. Ob Einheimischer, Investor oder einheimischer Investor, ob Besitzer oder Angestellter – vieles muss einbezogen werden.
Touristen hätten sich schon beschwert, dass die Loipen nicht so gut seien wie die früheren Jahre … Die Männer vom Loipendienst sagen, es sei extrem schwierig bis unmöglich, gute, gepresste Loipen herzustellen. Das liege an der Konsistenz des Schnees. Es stimmt, der Schnee ist nicht Pulver, nicht Nassschnee, er ist sämig, mehlig, gräulich und klumpt trotz kalten Temperaturen schnell zusammen. Man hat den Schnee wohl auch einer chemischen Analyse unterzogen. Man wartet auf Ergebnisse. Im Zusammenhang mit der Konsistenz des Schnees stehen auch die häufigen, ungewöhnlichen Lawinenniedergänge. Der Schnee reagiert nicht wie sonst, sondern anders und rutscht sehr schnell ab. Daher hat man Lawinenwarnstufen zum Beispiel für das Engadin erhöht. Skiwanderwege, die bisher als ungefährdet durch Lawinen galten, sollten nicht begangen werden. Weil man sehr wenig Schnee an den Hängen sieht – alles wurde von den orkanartigen Winden verblasen –, nehmen viele die Warnungen vor erhöhter Lawinengefahr nicht ernst.
Die geographische Lage Malojas ist nicht ohne Bedeutung. Maloja ist eine Wasserscheide, der Inn entspringt am Lunghinpass, Italien ist hier nicht weit. In den Süden fliesst die Orlegna, geht über in die Maira. Maloja liegt an der Schnittstelle von Säumerpfaden von Italien in die Schweiz und umgekehrt. Während des Zweiten Weltkrieges flüchteten einige Italiener in den Bauernhof Salecina und fanden dort Unterschlupf und Sicherheit vor Hitlers Truppen.
Maloja, quo vadis? Warum herrscht nicht mehr demokratische Transparenz?    •