Was hätte der Westen von einem «kolonialen Nürnberg» zu befürchten?

Zum Buch «Die Sprache des Imperiums» von Domenico Losurdo

ts. Seit 9/11 befindet sich der Westen nach der Lesart eines Norman Podhoretz, dem damaligem Chefredaktor der neokonservativen US-Zeitschrift Commentary, im Krieg gegen den Terrorismus und die an die 60 Staaten, die Verbindungen zum Terrornetzwerk hätten. Dass es sich um den «vierten Weltkrieg» handle, wenn man den Kalten Krieg als den dritten betrachte, und dass dieser Krieg ein Jahrzehnte dauernder Krieg in der Form einer antiken Tragödie in fünf Akten sei, beschreibt Podhoretz in mehreren seiner Artikel. Dass jedes Fünf-Akte-Stück aus an die 20 Szenen besteht, und dass der Afghanistan- und der Irak-Krieg lediglich die ersten Szenen im ersten Akt gewesen seien, gibt Podhoretz die Rechtfertigung, von einem Weltkrieg zu sprechen. Höhepunkt und anschliessende Katastrophe sind dann die Kriege gegen den von ihm so genannten «russischen Militärfaschismus» und den «chinesischen Handelsfaschismus» – denn unter «Faschismus» tut es der unter George W. Bush mit der «presidential medal of freedom», der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, Dekorierte nicht. Genauso wie gegen Hitler Appeasement-Politik abzulehnen gewesen und im dritten Weltkrieg gegen die Sowjetunion jahrzehntelanges Durchstehvermögen vonnöten gewesen sei, so müsste heute mit langem Atem das Böse erkannt und bekämpft werden.
Diese gruselige Kriegsrhetorik eines ­Bushianers, welche unter der Obama-Administration leiser tritt und einer smarteren Soft-Power-Sprache den Vorzug lässt, damit die europäischen «Venus-Bewohner» weiterhin mit im Boot bleiben bei den nächsten Szenen und gar Akten des langen Krieges, lässt nur ab und an ihre rauhe Intonation erschallen, wenn im Greater Middle East die Kriegstrommeln lauter dröhnen, und zwar dann, wenn die ganze Facebook- und Twitter-Masche nicht zu greifen droht und zu viel der Ungereimtheiten der Kriegspropaganda des Westens aufgedeckt wird.

Klärung der Begriffe

Es ist das grosse Verdienst eines Philosophen aus Urbino, Domenico Losurdo,1 sowohl die oben genannte Hard-Power- als auch die Soft-Power-Propaganda des Westens zu dekonstruieren, und zwar einer Dekonstruktion zu unterziehen, die einem aufklärerischen und wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet ist, keinem ideologischen, wie man das von geheimdienst-geleiteten universitären Dekonstrukteuren sonst allzu oft gewohnt ist.
«Sapere aude», habe Mut, Dich deines Verstandes zu bedienen, und zwar ohne die Anleitung eines anderen. Dies war der Wahlspruch der europäischen Aufklärung in der Formulierung eines Immanuel Kant. Und: Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Bei dieser Arbeit, die jede Generation wieder von neuem auf sich zu nehmen hat, will sie die Errungenschaften der Vorväter, Demokratie und Menschenrechte, die Würde des Menschen und die Bezogenheit auf das Du in einem sozialen Gemeinwesen nicht an Machtanmassung verlieren. Um den aufrechten Gang ausüben zu können, braucht der Mensch eine klare Einsicht in das Wesen der Dinge, mithin in die Begrifflichkeiten, die uns umgeben und unser Leben bestimmen wollen. Bei dieser Arbeit leistet uns der Philosoph aus Urbino in bester Manier des humanistischen Italiens wertvolle Handreichungen mit seinem Büchlein «Die Sprache des Imperiums».

Hypnotische Worthülsen zur Machtausübung

Begriffe, die noch vor dem Fall der Mauer ganz anders konnotiert wurden, sind heute im Mainstream-Medienfluss anscheinend unser «ureigenstes» Vokabular geworden, alle verwenden sie, ohne sie gross zu hinterfragen, wie hypnotische Worthülsen – um einen Begriff aus dem neurolinguistischen Programmieren, einer zeitgemässen Manipulationstechnik, zu verwenden – umnebeln sie unseren Geist und selbst unser Herz. Umso wohltuender deshalb der ruhige Durchgang, den Losurdo seiner Leserschaft gewährt, wenn er anhand einiger ausgewählter Zentralbegriffe einen Rundgang durch die Geschichte der letzten 2000 Jahre unternimmt und im Verwenden historischer Beispiele analoge Schlüsse ermöglicht, die vieles umso klarer erkennbar werden lassen. Beginnend beim Begriff «Terrorismus» führt er den Leser zum «Fundamentalismus», dann zum «Antiamerikanismus», zum «Anti­semitismus», weiter zum «Antizionismus» und zum «Philoislamismus», um schliesslich im letzten Kapitel der italienischen Auflage der Frage nach dem «Hass gegen den Westen» nachzuspüren. Kapitel 8, welches der deutschen Auflage nachgestellt wurde, trägt den Titel: «Obama und Orwell: Die Sprache des Imperiums und das Newspeak». An Stelle eines Schlusswortes ist schliesslich ein Text mit dem Titel «Die Exkommunikationen durch den Anwärter auf das Weltreich» zu finden.
Alle Kapitel durchzieht die zentrale Frage nach der Definitionshoheit sprachlicher Begriffe. Hier können aus Platzgründen nur ganz wenige Müsterchen der gedanklichen Schärfe Losurdos angeboten werden – der geneigte Leser ist gut beraten, sich zwei, drei Tage freizuschaufeln für die Lektüre – ein Wellness-Erlebnis der Extraklasse, und erst noch preiswert!

Der Sieger schreibt die Geschichte

Was den Grossbegriff Terrorismus betrifft, formuliert es Losurdo wie folgt: «Der jetzige Krieg ist gegen den Terrorismus gerichtet. Aber was soll man darunter verstehen? Es gibt keinerlei Bemühungen, Klarheit zu schaffen. Je unpräziser die Anklage formuliert ist, desto leichter kann sie einseitig geltend gemacht werden, und desto unanfechtbarer wird das Urteil, das der Stärkere fällt.» (S. 11)
Ist Geschichtsschreibung nicht immer Siegergeschichtsschreibung, und siegt nicht zumeist der Stärkere? Wodurch unterscheidet sich ein CIA-Mord an einem Staatsoberhaupt von einem Mord durch Anarchisten des 19. Jahrhunderts? Ist eine aussergerichtliche Exekution durch die israelische Armee nicht ebenfalls eine terroristische Tat? Die Schlussfolgerung Losurdos: «Ein Terrorakt wird nicht schon deshalb zu einer legitimen Polizeiaktion oder Rechtshandlung, weil der dafür Verantwortliche der Agent eines Geheimdienstes oder der Angehörige eines Heeres ist, der, ohne sein Leben oder seine Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen, ohne weiteres und souverän den Tod verabreichen kann.» (S. 18)

Das Embargo – die Terrorwaffe schlechthin

Das Wort «Embargo» ist heute ein zentraler Begriff der sogenannten «Völkergemeinschaft», welch letztere Losurdo als westliche und damit krass ausgrenzende Vokabel entlarvt. Ist aber Embargo nicht ein Terrorinstrument gegen unschuldige Zivilisten? Losurdo verleiht der US-amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs, herausgegeben vom Council on foreign Relations, dem Sammelbecken der sogenannten US-Realisten um Hardliner Zbigniew Brzezinski, dazu das Wort. Demzufolge, so wird dort zugegeben, sei das Embargo die Massenvernichtungswaffe schlechthin; verhängt, um Saddam den Zugang zu Massenvernichtungswaffen zu verwehren, habe das Embargo im Irak, und nun O-Ton Foreign Affairs, «in den Jahren, die auf den Kalten Krieg folgten, mehr Opfer gefordert als alle Massenvernichtungswaffen im Verlauf der Geschichte» insgesamt (S. 25). Nach dieser US-amerikanischen Analyse scheint, so Losurdo, das Embargo als die Terrorwaffe schlechthin.
An ungezählten Beispielen zeigt Losurdo auf, wie unser historisches Denken fragmentiert und unzusammenhängend ist. Gewohnt, in Kategorien von Gut und Böse zu urteilen, wobei der Gute gut bleibt, auch wenn er Dinge tut, die er eben noch dem Bösen angelastet hat, sehen wir oft Greueltaten, die sich vor unseren Augen durch die «Guten» ereignen, nicht oder blenden sie schlicht aus. Dies eine «Meisterleistung» der Verdrängung oder des «Negationismus». So liess sich der Westen seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten feiern für seine demokratische Auffassung und das Konzept der Gleichheit und der Würde des Menschen. Doch wie ging man um mit den Menschen, gegen die man, eingeordnet als «Untermenschen», einen gnadenlosen Vernichtungsfeldzug führte? Die Rede ist von den Indianern und den schwarzen Sklaven in den USA. Und als die Nazi-Barbarei, gegen deren Rassismus man angetreten war, kaum besiegt war, stand in über 30 US-Bundesstaaten Rassenvermischung noch immer unter Strafe.

Von der «white» zur «western supremacy»

Losurdo reiht unermüdlich Beispiel um Beispiel der westlichen Intoleranz, Heuchelei, Doppelmoral und Indolenz aneinander und zeigt auf, wie die Verschmelzung der Begriffe «Westen», «weiss» und «arisch» lange vor Hitler zum Konzept der «white supremacy» und dann zur «western supremacy» führte, die in einem kolonialen Rassismus und Abermillionen von Todesopfern gipfelten, die bis heute nicht gesühnt sind. Losurdo geht der aufgeworfenen Frage unerbittlich auf den Grund: «Stellen wir uns eine Frage: Warum gehören zur ‹westlichen Kultur›, abgesehen von Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada, auch Australien und Neuseeland, während Mexiko und Brasilien davon ausgeschlossen sind, obwohl sie sich nicht in Asien, sondern in der westlichen Hemisphäre befinden? Wie erklären sich diese Ein- und Ausschlüsse? Huntington antwortet klar und deutlich: ‹Die lateinamerikanische Zivilisation inkorporiert einheimische Kulturen, die in Europa nie existiert haben und die in Amerika (und in Australien und Neuseeland) vernichtet worden sind›. Genau gesagt, sind nicht nur die Kulturen, sondern auch die Völker, die sie verkörperten, vernichtet worden. Und der berühmte Politologe verheimlicht sich das nicht: Die in Nordamerika angekommenen Puritaner gingen von der Voraussetzung aus, dass ‹die Ausweisung und/oder die Ausrottung der Indianer die einzigen Möglichkeiten für die Zukunft waren›. Erlaubt der Genozid den Einschluss in den Westen, so besiegelt die Rassenmischung den Ausschluss: Toynbee hatte nicht unrecht, wenn er in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor dem andauernden ‹westlichen Rassegefühl› warnte.» (S. 299f)

Der kolonialistische Westen auf die Anklagebank – neben Hitler und Mussolini

Wenn der Westen bis heute mit zweierlei Ellen misst, an vorderster Front die USA, die trotz Guantànamo, den geheimen CIA-Folterflügen und -gefängnissen und einem anhaltenden Antiislamismus im eigenen Land jährlich zu jedem Land der Erde einen Menschenrechtsbericht erstellen, ausgenommen natürlich über sich selbst, so wird auch die von Losurdo am Ende seines Buches aufgeworfene Frage nachvollziehbar, warum es eigentlich nie ein afrikanisches oder ein koloniales Nürnberg gegeben hat. Wurden in Nürnberg von den Siegermächten die NS-Schergen abgeurteilt – dass man in Operation Artischocke und Paperclip und vielen anderen NS-Wissenschafter mit ihren unseligen, in KZs an Menschenversuchen gewonnenen Erkenntnissen für das eigene Lager im Kalten Krieg nutzbar machte, sei hier bloss am Rande erwähnt –, so fehlte dieses Vorgehen gegen Mussolini-Italien. Warum? Weil man schon in der liberalen Periode vor Mussolini hätte ansetzen müssen? Und was hätte dies für England bedeutet? Losurdo: «Im übrigen war dem Senfgas Mussolinis in Äthiopien das Senfgas Churchills im Irak vorausgegangen. Abgesehen vom faschistischen Italien hätte der Prozess über Kriegsverbrechen am Ende also den kolonialistischen Westen insgesamt auf die Anklagebank gebracht. Das Ausbleiben des mehr kolonialen als «afrikanischen» Nürnberg kam in erster Linie für England gelegen, das im Nahen und Mittleren Osten seine traditionelle Politik hat fortführen können, wie die Aggression gegen Ägypten (gemeinsam mit Frankreich und Israel) im Jahre 1956 beweist und wie es ausserdem die enge Zusammenarbeit mit Washington bei seiner Kriegs- und Demütigungspolitik gegen die arabischen Völker beweist.» (S. 315)
Und Losurdos Quintessenz, messerscharf auf den Punkt gebracht: «Dank der Sabotage des kolonialen Nürnberg konnte der Westen insgesamt eine schmerzliche selbstkritische Reflexion vermeiden, die sich über die Langzeitperspektive des Rassismus gegen die Kolonialvölker aufzwingt.» (S. 315)

Noch ist es für den Westen nicht zu spät

Die Arbeit von Losurdo trägt dazu bei, dass sich die Leserschaft der eigenen Rolle und der eigenen Verantwortung im Weltgeschehen bewusster wird. Und wer die bis heute anhaltenden Ungerechtigkeiten zur Kenntnis nimmt, die all jenen widerfuhren, die der «Westen» ausgrenzte und nicht zu den menschlichen Wesen zählte, wird auch in der Lage sein, Hand zu bieten, dass die längst fällige Wiedergutmachung geleistet wird. Der erste Schritt dazu wäre, nach der Einsicht, der sofortige Stopp der heuchlerischen und mörderischen Kriege, die ja nicht um hehre Werte, sondern um egoistische Interessen geführt werden; dann die Entschuldigung; die Wiedergutmachung; und das Angebot zur Kooperation – Gesten, die in der «nichtwestlichen» Welt sicher verstanden werden. Denn, so der Singapurer Kishore Mahbubani, noch ist es für den «Westen» nicht zu spät, noch wollen die über 80% Nicht-Westler eine Zusammenarbeit mit uns. Dass dies in Gleichwertigkeit und in Ehrlichkeit geschehen muss, versteht sich von selbst. Ein Beginn kann nur schon sein, dass man bei der Wahl der Begriffe mehr Vorsicht walten lässt – auch dies ein Verdienst des Buches von Domenico Lo­surdo.    •

1 Prof. Dr. phil. Domenico Losurdo lehrt Philosophie an der Universität Urbino in Italien.