Einen Pflock für eine gentechnikfreie Landwirtschaft eingeschlagen

Motion zur Verlängerung des Gentech-Moratoriums annehmen

Interview mit Markus Ritter, Nationalrat und Präsident des St. Galler Bauernverbandes

thk. Nächstes Jahr läuft die Verlängerung des sogenannten Gentech-Moratoriums aus. Zum rechten Zeitpunkt hat Nationalrat Markus Ritter eine Motion eingereicht, die eine weitere befristete Verlängerung des Moratoriums verlangt. Der Verzicht auf Gentech ist der Wunsch der Schweizer Bürgerinnen und Bürger.
    Dass ein solches Moratorium heute überhaupt besteht, geht auf die eidgenössische Volksinitiative «Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft» zurück, die 2005 zur Abstimmung kam und von 55,7 Prozent der Bevölkerung und von allen 26 Ständen (Kantone und Halbkantone) deutlich angenommen wurde. Sie verbot damals für 5 Jahre die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) und wurde bereits 2010 um weitere drei Jahre verlängert. Über eine erneute Verlängerung wird das Parlament in der Sommersession entscheiden.

Herr Nationalrat Ritter, Ihre Motion verlangt eine Verlängerung des Gentech-Moratoriums. Was für ein Ziel verfolgt das Moratorium?

Ziel ist es, dass die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Schweiz verhindert wird. Das betrifft nicht die Forschung, aber die Freisetzung. Das heisst, die gentechnisch veränderten Pflanzen können für den Anbau nicht verwendet werden. Das ist die Hauptstossrichtung, so wie es im Moratorium und im Gentechnik-Gesetz heute bereits festgeschrieben ist.

Was bedeutet das?

Es geht wieder um eine befristete Lösung, welche das Verbot der Freisetzung im Gesetz genau regelt. Der Bundesrat tendiert zur Regelung im Gentechnikgesetz und nicht im Landwirtschaftsgesetz.

Wäre es nicht sinnvoll, man würde grundsätzlich auf Gentechnik im Anbauverzichten?

Was im Moment Sinn macht, ist abzuwarten, bis die Forschungsresultate vorliegen, die noch ausstehen; dazu soll es im Sommer noch einen Bericht geben. Im Moment ist es sehr wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger in unserem Land gentechnisch veränderte Produkte als Nahrungsmittel ablehnen. Es besteht keine Bereitschaft, solche zu kaufen, vor allem auch aus Angst vor unbekannten Nebenwirkungen, vor Risiken, die man nicht kennt. Für uns ist natürlich die Nachfrage am Markt entscheidend, um solche Fragen zu beurteilen. Zum anderen haben wir nach dem heutigen Wissensstand keinerlei Pflanzen, die einen wesentlichen Vorteil für die Schweizer Landwirtschaft im Anbau bringen, so dass es unsinnig wäre, im Moment ein Risiko einzugehen. Weder vom Anbau her noch bei der Nachfrage sind Anzeichen da, dass man auf Gentech umschwenken sollte.

Für die Landwirtschaft wäre das also kein Nachteil, weiterhin auf Gentech zu verzichten?

Nein, das ist nur ein Vorteil, da wir weder im Anbau noch im Absatz irgendeinen erkennbaren Vorteil sehen. Die einzigen, die Druck machen, sind diejenigen, die in der Forschung arbeiten, weil sie das Markt­potential abschöpfen wollen. Wir haben in der Schweiz den Vorteil, dass wir unsere Landwirtschaftspolitik im Gegensatz zu anderen Ländern selbst bestimmen können. Wir können selbst bestimmen, was zugelassen wird und was nicht, wie wir das gesetzlich regeln wollen usw. Die Schweizer Landwirtschaft hat natürlich einige Beispiele erlebt, bei denen die Konsumenten verunsichert wurden und es sehr grosse Schäden für die Landwirtschaft gegeben hat. BSE (Rindfleisch), Vogelgrippe (Geflügelfleisch) und letztes Jahr mit den Gurken (Falschmeldung mit Ehec-Erregern), da sind wir natürlich sehr vorsichtig geworden, neue Risiken mit Pflanzen, die verändert sind, einzugehen, deren Nebenwirkungen uns nicht bekannt sind.
Für uns steht die Produktion gesunder Nahrungsmittel an oberster Stelle. Wenn der Bürger als Konsument verunsichert ist, dann brechen die Märkte von einem Tag auf den anderen zusammen, und zwar in dem Bereich, in dem man die Pflanze eingesetzt hat. Es gibt dann kein Zurück mehr. Wenn die gentechnisch veränderte Pflanze freigesetzt ist, dann vermischt sich das Erbgut mit denjenigen, die nicht gentechnisch verändert sind, und das ist dann irreparabel.
Immer wieder wird von der Koexistenz gesprochen. Aber wer die Koexistenz und die Sicherheitsmassnahmen finanziert und bei Schäden garantiert, davon spricht niemand. Insbesondere der Bund hat in diesen Situationen mehrfach bewiesen, dass er nicht bereit ist, irgendwelche Schäden zu übernehmen. Deshalb sind wir hier sehr vorsichtig und werden sehr eng mit unseren Marktpartnern und den Konsumenten zusammenarbeiten.

Wie sehen Sie die Situation der Landwirtschaft und der sogenannten Marktöffnung? économiesuisse verbreitet sonderbare Argumente, das Bauernsterben gehe zu langsam, so könne der Markt nicht spielen und ähnlich Absurdes.

Ich habe schon öfters mit der économiesuisse diskutiert, und das Problem hierbei ist, dass sie das Funktionieren der landwirtschaftlichen Märkte falsch einschätzt. Die Landwirtschaft produziert standortgebunden. Unsere Märkte sind Rohstoffmärkte, das heisst, wir produzieren für die Verarbeitung standardisierte Rohstoffe in grossen Mengen, die sich in der Qualität von Produzent zu Produzent nur unwesentlich unterscheiden dürfen (Getreide, Milch usw.). Nach der Verarbeitung weisen diese Produkte deutliche Unterscheidungsmerkmale auf, die für den Käufer erkennbar sind. Mit der Verarbeitung erfolgt bei den Lebensmitteln die Differenzierung und damit auch die Wertschöpfung im Markt.
Daher gelten in landwirtschaftlichen Märkten in verschiedenen Bereichen andere Regeln als in Märkten der Industrie und der Dienstleistungsanbieter. Landwirtschaftliche Produkte sind sehr preissensibel und reagieren auf geringe Verschiebungen von Angebot und Nachfrage sehr stark.

Was sind denn die besonderen Merkmale unserer Landwirtschaft?

Unsere Landwirtschaft steht stark auf dem Fundament von Familienbetrieben. Das ist sehr wichtig und etwas Entscheidendes. Bei den Erträgen, die wir in der Landwirtschaft erwirtschaften, ist es sehr schwierig, Fremdarbeitskräfte zu beschäftigen.

Die Kalkulation für die Bauern ist also immer enger und schwieriger geworden. Die Leistung der Bauern wird selten richtig gewürdigt.

Wenn man sich überlegt, was uns die Lebensmittel kosten, für den Bürger sind es noch 7 Prozent von einem durchschnittlichen Haushaltsbudget (ohne Konsum in der ­Gastronomie). Das ist ein verhältnismässig geringer Betrag.
Beim Bund haben die Ausgaben für die Landwirtschaft im Verhältnis zum Gesamtbudget ständig abgenommen. Vom Gesamtvolumen des Bundeshauses sind wir bei rund 6 Prozent für die Landwirtschaft angelangt. Dabei trägt die Landwirtschaft mit ihren Leistungen sehr viel zur Lebensqualität in unserem Land bei. Unsere Bauernfamilien bewirtschaften rund die Hälfte der Fläche unseres Landes. Neben der Produktion von gesunden Nahrungsmitteln wird dabei sehr viel für den Raum der Naherholung und des Tourismus geleistet.

Der Weltagrarbericht bestätigt genau das, was Sie gesagt haben. Eine Landwirtschaft, die kleinräumig ist, aus Familienbetrieben besteht und im besonderen für die Versorgung der Bevölkerung da sein muss und nicht für die Börse und den Kampf um Marktanteile. Nur so ist die Versorgung der wachsenden Menschheit mit Nahrungsmitteln gesichert.

Ja, so ist es. Dramatisch ist für mich, wie von Menschen, die eine gute Ausbildung haben, häufig halbes oder falsches Wissen verbreitet und für eine industrialisierte Landwirtschaft mit grossflächigen Monokulturen plädiert wird. Dies kann und darf nicht sein.

Sie sprechen in bezug auf die Landwirtschaft natürlich auch aus Erfahrung. Sie sind selbst in der Landwirtschaft tätig.

Ja, wir haben einen Landwirtschaftsbetrieb in der Bergzone 1. Unser Betrieb umfasst 28 Hektar mit Milchwirtschaft, Aufzucht, Hochstamm-Feldobstbau und noch etwas Ackerbau.
Wir sind als Familienbetrieb organisiert. Unterstützt werden wir von zwei Mitarbeitern und einer Praktikantin.  

Wie sehen Sie die Zukunft unserer Landwirtschaft?

Wenn wir die grossen Entwicklungstrends anschauen, dann wird unsere Landwirtschaft nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit eine Zukunft haben. Die Bevölkerung wird weiterhin stark zunehmen, und damit sind mehr Nahrungsmittel gefragt. Die Welternährungsorganisation der Uno erwartet bis ins Jahr 2050 eine Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen. Es wird in den nächsten Jahrzehnten schwieriger werden, die Menschheit zu ernähren, das wird eine sehr grosse Herausforderung sein. Die Nahrungsmittelproduktion wird hier zunehmend noch wichtiger. Für uns in der Schweiz stellt sich vor allem die Frage, wie man den Verlust an Kulturland bremsen und den Beruf des Landwirts attraktiv im Wettbewerb mit anderen Berufen positionieren kann. Die Voraussetzungen dafür sind vor allem im innerstaatlichen Bereich zu lösen. Ich bin überzeugt, dass die Landwirtschaft einen ganz bedeutenden Faktor im Standortwettbewerb zwischen der Schweiz und dem Ausland darstellt. Gesunde Nahrungsmittel, unsere wunderschöne Landschaft, die gepflegten Alp- und Sömmerungsweiden, die gelebten Traditionen und unsere Kultur gehören unverwechselbar zur Schweiz.

Lassen Sie mich nochmals auf das Moratorium zurückkommen. Wird es im Parlament eine Mehrheit finden?

Die Chancen sind gut, weil sehr viele Parlamentarier das Anliegen unterstützt haben und weil sich der Bundesrat ebenfalls für Annahme der Motion ausgesprochen hat. Die Frage ist dann, in welcher Form der Bundesrat die Vorlage umsetzt und wie es mittelfristig weitergeht. Da müssen wir die Ergebnisse der Forschungsanstalt abwarten und weitere Gespräche mit Organisationen, die uns ­nahestehen, führen. Danach wird man das weitere Vorgehen festlegen können. Wichtig ist, dass jetzt ein Pflock für eine gentechnikfreie Landwirtschaft eingeschlagen ist.

Herr Nationalrat Ritter, herzlichen Dank für das Gespräch.    •

«Unsere Tiere weigern sich…»

gs. Kürzlich traf ich meine Schulkollegin wieder. Sie berichtete – unter vielem anderem – eine hochinteressante Beobachtung: Ihre Schafe und Ziegen weigern sich, Futter zu essen, das Gentech-Soja enthält. Auf ihrem Betrieb wird im allgemeinen nur Futter aus Eigenanbau gegeben. Als sie bei der Aufzucht der jungen Lämmer und Gizzi’s für die Kleinen konventionelles Aufzuchtfutter hinstellte, kam die Mutter der Kleinen als erste zum Futterteller, schnupperte daran und wandte sich hocherhobenen Hauptes ab. Und siehe da: Keines der Kleinen nahm auch nur einen Krümel davon! Der Teller stand auch am nächsten Tag noch unberührt da, worauf meine Kollegin ihn nachdenklich wegtrug. Ihre Nachfrage beim Hersteller ergab, dass ein gewisser Prozentsatz von gemahlener Soja darin enthalten war, die aus Ländern kommt, in denen es kein Gentech-Anbauverbot gibt. Sie sagte noch, dass sie tiefsten Respekt habe vor ihren Tiermüttern …